
Das American Petroleum Institute (API) meldete für die vergangene Berichtswoche einen deutlich stärkeren Rückgang der Rohöl- und Benzinbestände als erwartet, während die Destillatbestände spürbar zunahmen. Gleichzeitig stiegen die Rohölvorräte im wichtigen Lagerstandort Cushing (Oklahoma) leicht um 0,5 Millionen Barrel. Damit endete der seit neun Wochen anhaltende Bestandsabbau, obwohl die Lagerbestände mit weniger als 20 Millionen Barrel weiterhin auf einem kritischen Niveau liegen und die Versorgungssicherheit des Zentrallagers nach wie vor angespannt bleibt. Die API-Daten gelten jedoch lediglich als erste Orientierung, da sie in der Vergangenheit häufig von den offiziellen Bestandszahlen des US-Energieministeriums (DOE) abwichen. Erst der DOE-Bericht wird zeigen, ob sich der erwartete Rückgang der gesamten US-Ölbestände um rund 6,1 Millionen Barrel bestätigt und welche Faktoren – etwa eine saisonbedingt höhere Benzinnachfrage oder eine stärkere Auslastung der Raffinerien – die Entwicklung beeinflusst haben.
Am Ölmarkt bestimmen weiterhin die diplomatischen Bemühungen zwischen den USA und dem Iran sowie die zunehmende Normalisierung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus das Marktgeschehen. Der Brent-Ölpreis bewegt sich bei rund 73 US-Dollar je Barrel, nachdem er in den vergangenen drei Monaten erheblich nachgegeben hatte. Vertreter der US-Regierung bewerteten die indirekten Gespräche mit dem Iran in Katar positiv und berichteten von Fortschritten bei den technischen Verhandlungen. Zwar treffen die Delegationen nicht direkt aufeinander, doch die Vermittlung über Katar hält den diplomatischen Dialog aufrecht. Gleichzeitig nimmt der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus wieder zu und nähert sich nach Angaben der USA dem Vorkriegsniveau an. Dennoch bleibt die geopolitische Lage angespannt, da der Iran seinen Anspruch auf die Kontrolle der Wasserstraße bekräftigt und weiterhin Transitgebühren einführen möchte. Zudem erschweren ungelöste Konflikte, darunter das iranische Atomprogramm und die Lage im Libanon, eine nachhaltige Entspannung.
Marktbeobachter bewerten die weitere Preisentwicklung unterschiedlich. Während einige Analysten aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten zunächst von einer abwartenden Haltung der Marktteilnehmer ausgehen, erwarten andere ein Ende des Konflikts bis Ende Juli und anschließend ein Überangebot am Ölmarkt. Sowohl Goldman Sachs als auch Morgan Stanley rechnen für das kommende Jahr mit einem deutlichen Angebotsüberschuss, da sich die Transporte durch die Straße von Hormus schneller normalisieren als ursprünglich angenommen. Morgan Stanley senkte deshalb bereits mehrfach seine Preisprognosen.
Kurzfristig richtet sich die Aufmerksamkeit auf den bevorstehenden DOE-Bericht, der insbesondere Aufschluss über die Versorgungslage in Cushing geben wird. Sollten sich die dortigen Bestände entgegen den API-Daten erneut verringert haben, könnte dies den Ölpreisen kurzfristig Auftrieb verleihen. Insgesamt überwiegt jedoch weiterhin eine leicht bearishe Einschätzung, da die diplomatischen Kontakte zwischen den USA und dem Iran bestehen bleiben und sich die Ölexporte aus dem Persischen Golf zunehmend erholen. Lediglich bei Mineralölprodukten zeigt sich weiterhin eine gewisse Aufwärtsdynamik. Saisonbedingt hohe Nachfrage infolge von Hitzewellen, Raffineriestreiks in Europa sowie Kraftstoffengpässe in Russland sorgen für ein knappes Angebot und führen zu steigenden Inlandspreisen.