Rohöl auf Viermonatstief – Hormus-Öffnung bringt Überangebotserwartung zurück

Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus hat sich in den vergangenen Wochen deutlich erholt und erreicht nach den kriegsbedingten Einbrüchen wieder ein wesentlich höheres Niveau. Die Unterstützung des US-Militärs hat dazu beigetragen, dass die täglichen Ölexporte wieder auf mehr als zehn Millionen Barrel gestiegen sind. Allein an einem Tag passierten 24 Frachtschiffe, darunter Öl- und LNG-Tanker sowie Massengutfrachter, die strategisch wichtige Meerenge. Die Öltanker verfügten zusammen über eine Transportkapazität von rund elf Millionen Barrel Rohöl. Die zunehmende Zahl der Schiffsbewegungen signalisiert, dass Reedereien und Versicherungen das Sicherheitsrisiko in der Region wieder geringer einschätzen und den Transport durch die Wasserstraße zunehmend als verlässlich betrachten.

Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt die Kontrolle über die Straße von Hormus ein zentraler Streitpunkt in den indirekten Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran, die derzeit in Katar stattfinden. Neben dem iranischen Atomprogramm steht insbesondere die langfristige Sicherung des freien kommerziellen Schiffsverkehrs im Mittelpunkt der Gespräche. Die USA drängen auf eine verbindliche Vereinbarung, die den ungehinderten Transit dauerhaft garantiert. Der Iran verfolgt hingegen weiterhin das Ziel, Transitgebühren für die Passage der Meerenge einzuführen. Eine Einigung erscheint schwierig, da Teheran seinen Anspruch auf die Kontrolle des Schifffahrtskorridors bekräftigt. Der iranische Chefunterhändler Mohammed Bagher Ghalibaf betonte, die Souveränität über die Wasserstraße liege bei Iran und Oman. Während Oman offiziell erklärt, dass die bestehenden Regelungen keine Transitgebühren vorsehen, deuten diplomatische Informationen darauf hin, dass bestimmte Gebühren künftig dennoch diskutiert werden könnten.

Die verbesserte Sicherheitslage und die Fortschritte in den Gesprächen zwischen Washington und Teheran belasten inzwischen die internationalen Ölmärkte. Die Rohölpreise sind bereits den dritten Handelstag in Folge gefallen, nachdem steigende Öllieferungen durch die Straße von Hormus sowie positive Signale aus den Verhandlungen die Sorge vor Lieferausfällen deutlich verringert haben. Zusätzlich wirken die Freigabe strategischer Ölreserven und eine verhaltene Nachfrage preisdämpfend. Analysten sehen darin Anzeichen für eine Rückkehr zu einem Überangebot auf dem Ölmarkt, das bereits vor dem Iran-Konflikt erwartet worden war. Auch der zunehmende Wettbewerb um Marktanteile sowie die Aussicht auf eine weitere Anhebung der Förderziele der OPEC+-Staaten ab August sprechen für eine steigende Angebotsmenge und verstärken den Druck auf die Ölpreise.

Vor diesem Hintergrund haben mehrere Banken ihre Preisprognosen nach unten angepasst. So erwartet die UBS für die zweite Jahreshälfte einen durchschnittlichen Brent-Preis von 80 US-Dollar je Barrel und für das Jahr 2027 einen Durchschnittspreis von 75 US-Dollar. Gleichzeitig warnt die Bank jedoch davor, von einer vollständigen Normalisierung auszugehen. Die Zahl der in den Persischen Golf einlaufenden Tanker liegt weiterhin unter der Zahl der auslaufenden Schiffe, was auf anhaltende Unsicherheiten hinweist. Zudem bleibt die politische Kontrolle über die Straße von Hormus ungeklärt. Marktbeobachter gehen davon aus, dass insbesondere die Islamische Revolutionsgarde ihren Einfluss auf diesen zentralen Engpass des weltweiten Ölhandels nicht ohne Weiteres aufgeben wird, da sie die Kontrolle über die Meerenge als bedeutendes geopolitisches Druckmittel betrachtet. Die Forderung Teherans nach Transitgebühren stößt deshalb weiterhin auf den entschiedenen Widerstand der USA.

Insgesamt bewerten Marktteilnehmer die Lage am Rohölmarkt derzeit überwiegend bearish. Die Kombination aus einer Normalisierung des Schiffsverkehrs, steigenden Fördermengen und der Erwartung eines erneuten Marktüberschusses spricht für anhaltenden Preisdruck bei Rohöl. Gleichzeitig entwickeln sich die Produktmärkte robuster, da insbesondere Raffinerieengpässe – vor allem in Russland – das Angebot an Mineralölprodukten begrenzen und dort weiterhin für preisstützende Impulse sorgen. Entsprechend zeichnen sich auf dem Binnenmarkt trotz der schwächeren Rohölpreise bereits wieder moderate Preisaufschläge bei Mineralölprodukten ab.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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