Kein Kriegsende in Sicht – Ölpreise steigen weiter

China stoppt Treibstoffexporte wegen Iran-Krieg
Die chinesische Regierung hat die größten Ölraffinerien des Landes angewiesen, ihre Exporte von Diesel und Benzin vorübergehend auszusetzen. Der größte Ölimporteur der Welt reagiert damit auf die Lieferunterbrechungen am Persischen Golf in Folge des Irankrieges.

Den Raffinerien wurde demnach von der obersten chinesischen Wirtschaftsplanungsbehörde aufgetragen, keine neuen Exportverträge mehr abzuschließen und über die Stornierung bereits vereinbarter Lieferungen zuverhandeln. Zu den Unternehmen, die regelmäßig staatliche Exportquoten für Kraftstoffe erhalten, zählen PetroChina, Sinopec, CNOOC, die Sinochem Group sowie der private Raffineriebetreiber Zhejiang Petrochemical.

China verfügt über eine der größten Raffineriekapazitäten der Welt, wobei der Großteil der Produktion auf die heimische Nachfrage entfällt. Dennoch zeigen die vorsorglichen Beschränkungen aus Peking eine wachsende Sorge um die eigene Versorgungssicherheit. Denn obwohl China in den vergangenen Jahren bemüht war, seine Energieversorgung zu diversifizieren, stammen doch immer noch rund die Hälfte aller Ölimporte aus der Golfregion – darunter nahezu sämtliche Lieferungen aus dem Iran.

Gleichzeitig verschärfen die neuen Exportbeschränkungen aus China die entstandene Knappheit am Produktmarkt. Auch hier macht sich die Sperrung der Straße von Hormus bemerkbar, werden doch üblicherweise auch etwa 5 Mio. B/T an Ölprodukten durch die Meerenge transportiert, um auf dem Weltmarkt verteilt zu werden. Zuletzt hatte sich dies auch bei den Produktfutures an ICE und NYMEX bemerkbar gemacht, deren Preisrally noch steiler ausfiel als bei Brent und WTI.

Marktlage
Weiterhin bleibt der Krieg im Iran und all seine Auswirkungen das Hauptthema am Ölmarkt. Nach der gestrigen Verschnaufpause legen die Kurse an ICE und NYMEX heute auch schon wieder zu und setzen ihre Preisrally fort. Grund für den Anstieg ist dabei vor allem die Blockade der Straße von Hormus.

Die abrupte Exportunterbrechung – üblicherweise werden täglich über 20 Mio. Barrel an Rohöl und Produkten durch die Wasserstraße transportiert – macht sich inzwischen vielfach bemerkbar. So hat der Irak, der zweitgrößte Rohölproduzent innerhalb der OPEC, hat seine Förderung um fast 1,5 Mio. B/T reduziert, da die Lagerkapazitäten knapp werden.

Katar, der größte Produzent von Flüssigerdgas (LNG) am Golf, hatte schon am Dienstag seine Produktion eingestellt und erklärte am Mittwoch „Force Majeure“ für seine Gasexporte. Branchenquellen zufolge könnte es mindestens einen Monat dauern, bis die Produktion wieder auf das übliche Niveau zurückkehrt.

Unterdessen beschießt der Iran weiter Schiffe in der gesamten Golf-Region. So meldete die britische Marienaufsicht (UKMTO) erst gestern wieder eine Explosion an einem Tanker vor der Küste Kuwaits. Teheran hatte wiederholt gedroht, jedes Schiff anzugreifen, das versucht, die Straße von Hormus zu passieren. Schätzungen zufolge stecken derzeit rund 329 Öltanker im Golf fest.

Nach Einschätzung von Analysten der Großbank J.P. Morgan bleibe das Risiko für die Schifffahrt zwar extrem hoch, allerdings habe der Iran bislang weitgehend darauf verzichtet, die kritischste Energieinfrastruktur direkt anzugreifen. „Die vorhandenen Lagerkapazitäten in den Staaten des Golf-Kooperationsrats [Saudi-Arabien, VAE, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain, Anm. d.Red.] sowie die aktuellen Energiepreise begrenzen die mögliche Dauer der US-Militäroperation“, glauben die Analysten.

Sie weisen darauf hin, dass im Falle einer Öffnung der Straße von Hormus recht schnell wieder Normalbetrieb hergestellt werden könne. Die meisten Ölfelder wären innerhalb weniger Tage wieder online, während die volle Förderkapazität in der Regel nach zwei bis drei Wochen erreicht werde, so die Experten.

Noch sieht es aber nicht danach aus, dass ein Ende der Sperrung oder der Kampfhandlungen im Nahen Osten greifbar wäre. Entsprechend hoch bleibt der Risikoaufschlag, den die Anleger einpreisen, und auch die Angst vor lang anhaltenden Angebotsunterbrechungen, die das gesamte Ölmarktgefüge heftig durcheinanderwirbeln würden.

Bei den Inlandspreisen setzen sich heute ebenfalls wieder Preisaufschläge im Vergleich zu gestern Morgen durch, wenn auch nicht mehr ganz in der Größenordnung wie zum Wochenbeginn. Hier macht sich der steile Anstieg des ICE Gasoil-Kontraktes bemerkbar, der inzwischen auf den höchsten Stand seit 2022 geklettert ist.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

Die Lienert + Ehrler AG übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit und Richtigkeit der auf dieser Seite publizierten Informationen.