
Die Entwicklungen im Nahen Osten haben die Hoffnungen auf eine rasche Beruhigung der Lage erneut gedämpft. Obwohl Israel und der Libanon bei Gesprächen in Washington die Umsetzung einer Waffenruhe vereinbart hatten, wies die Hisbollah das Abkommen entschieden zurück. Hisbollah-Chef Naim Kassim erklärte, die Vereinbarung stelle einen „Fahrplan zur Zerstörung“ eines Teils der libanesischen Bevölkerung dar und bedeute die Unterwerfung des übrigen Landes. Besonders kritisierte er die Forderung, dass die Hisbollah ihre Angriffe auf Israel vollständig einstellen solle, während Israels militärische Aktivitäten nicht gleichzeitig beendet würden. Ein solches Abkommen bezeichnete er als Kapitulation. Die Miliz unterstützt hingegen eine Waffenruhe, die einen vollständigen Rückzug Israels aus dem Libanon sowie die Einstellung aller israelischen Angriffe vorsieht.
US-Präsident Donald Trump reagierte gelassen auf die Ablehnung der Hisbollah. Nachdem er zuvor erklärt hatte, die Miliz habe einem Waffenstillstand zugestimmt, betonte er gegenüber Journalisten, die Hisbollah habe ihn persönlich nicht zurückgewiesen und stehe weiterhin in Kontakt mit den Vereinigten Staaten. Die Entwicklungen im Libanon beeinflussen zugleich die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran, da Teheran eine Waffenruhe im Libanon als wichtige Voraussetzung für ein mögliches Abkommen betrachtet. Trump erklärte zudem auf seiner Plattform Truth Social, er befinde sich in abschließenden Gesprächen zur Beendigung des Konflikts mit der Islamischen Republik Iran.
Zusätzliche Unsicherheit entstand durch Vorfälle im Golf von Oman. Am omanischen Hafen Mina al Fahal setzten die Betreiber die Ölverladungen vorübergehend aus, nachdem es an den Tankeranlagen zu einer Explosion gekommen war. Nach Informationen von Reuters könnte ein Drohnenangriff die Ursache gewesen sein. Bereits zuvor hatten iranische Medien berichtet, der Iran habe ein US-Kriegsschiff im Golf von Oman angegriffen. Das US-Zentralkommando dementierte diese Darstellung jedoch umgehend und bezeichnete die iranischen Angaben als falsch.
Die geopolitischen Entwicklungen wirkten sich unmittelbar auf die Ölmärkte aus. Nachdem die Ölpreise zur Wochenmitte stark gestiegen waren, gaben sie am Donnerstag wieder nach. Ausschlaggebend dafür waren die Meldungen über die zwischen Israel und dem Libanon vereinbarte Waffenruhe sowie neue Hoffnungen auf eine diplomatische Annäherung zwischen den USA und dem Iran. Analysten interpretierten den Preisrückgang als Ausdruck der Erleichterung der Märkte darüber, dass ein offener Krieg vorerst eingedämmt werden könnte und die wichtige Öl-Infrastruktur in der Region weitgehend unbeschädigt geblieben ist. Gleichzeitig warnten Experten davor, die Risiken zu unterschätzen. Eine nachhaltige Entspannung der Ölpreise hänge insbesondere von einer deutlichen Erholung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus ab.
Die Ablehnung der Waffenruhe durch die Hisbollah veränderte die Ausgangslage jedoch erneut. Marktbeobachter gehen deshalb davon aus, dass die durch den Nahostkonflikt entstandene Risikoprämie vorerst bestehen bleibt. Zwar könnten Händler bei positiven politischen Signalen einen Teil dieses Aufschlags abbauen, doch ohne konkrete Fortschritte vor Ort werde die Unsicherheit nicht vollständig verschwinden.
Neben den geopolitischen Entwicklungen richten die Märkte ihren Blick auf die Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten für Mai. Sollten diese ein stärkeres Beschäftigungswachstum und höhere Lohnzuwächse als erwartet ausweisen, könnten die Erwartungen hinsichtlich weiterer Zinserhöhungen der US-Notenbank steigen. Ein stärkerer Dollar würde in diesem Fall zusätzlichen Druck auf die Ölpreise ausüben.
Darüber hinaus warten Marktteilnehmer auf die bevorstehenden Sitzungen der OPEC und der OPEC+, die am Sonntag stattfinden. Trotz der zuletzt gestiegenen Ölpreise zeigt sich die Organisation optimistisch hinsichtlich der globalen Nachfrageentwicklung und hält an ihrer Prognose für ein Nachfragewachstum von 1,2 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2026 fest. Am Freitagmorgen notierten die Ölpreise bereits wieder über den Tiefständen des Vortages. Aufgrund der deutlichen Preisrückgänge an den internationalen Ölbörsen zeichnen sich für die Inlandsmärkte jedoch weiterhin erhebliche Preisnachlässe ab.