Geopolitische Risiken stützen kurzfristig – Venezuela bleibt Hauptthema am Markt

Proteste im Iran – Donald Trump wiederholt Angriffsdrohung
Die schon über eine Woche andauernden landesweiten Proteste und Demonstrationen im Iran erreichten gestern einen Höhepunkt. In fast allen großen Städten drängten die Menschen auf die Straße und protestierten gegen das Mullah-Regime. Die Behörden schalteten unterdessen den weltweiten Internetzugang für die Bevölkerung ab.

US-Präsident Trump zeigte sich solidarisch mit den Protestierenden und lobte die Iraner im Rahmen eines Podcasts als „mutige Menschen“. Dabei wiederholte er auch seine Drohungen in Richtung Teheran und sagte: „Ich habe ihnen mitgeteilt, dass wir sie hart bestrafen werden, falls sie anfangen, Menschen zu töten, was sie während ihrer Unruhen, die ja häufig vorkommen, gerne tun“.

An den Ölbörsen quittierten die Anleger diese Aussage mit steigenden Preisen, da sie eine höhere Risikoprämie einpreisten. Sollten die Unruhen im Iran sich ausdehnen und tatsächlich eine Einmischung der USA zur Folge haben, wären auch wieder längerfristige Exportausfälle oder Störungen der internationalen Ölflüsse zu befürchten.

Goldman Sachs: Investorenstimmung nahe bearishem Tiefststand
Laut einer Kundenumfrage der Investmentbank Goldman Sachs ist die Stimmung unter den Investoren aktuell fast wieder so bearish wie im April 2025, als sie den tiefsten Stand seit 10 Jahren erreicht hatte. Damals hatte Donald Trumps beginnende Zolltirade für Pessimismus gesorgt, aktuell ist es jedoch vor allem die Überversorgung am Markt, die die Anleger beeinflusst.

Schon im letzten Jahr hatten die Ölbörsen zu kämpfen gehabt und legten die schlechteste Performance seit 2020 hin. Hintergrund waren die höhere Förderung durch die OPEC+, eine Rekord-Produktion in den USA sowie steigende Liefermengen aus Ländern wie Brasilien und Guyana. Im laufenden Jahr wird mit einer Ausweitung dieses Überangebots gerechnet.

Mehr als 59 % der über 1.100 befragten Goldman-Kunden aus verschiedenen Anlageklassen bewerten Rohöl demnach zur Zeit als bearish oder leicht bearish. Zu der allgemein pessimistischen Stimmung trug laut der Goldman-Umfrage auch die Rekordzahl institutioneller Anleger bei, die Öl als ihr bevorzugtes Short-Produkt nannten.

Marktlage
An ICE und NYMEX bleiben die Preise zum Ende der Woche gestützt, nachdem die gestrige Tagesrally den Kursen ein Wochenplus bescheren dürfte. Marktthema bleibt weiterhin die Entwicklung in Venezuela, die Anleger blicken zusätzlich aber auch auf den Iran, wo sich die politische Lage zuspitzt.

Donald Trump hat deshalb seine Drohungen gegen den Iran bekräftigt, „hart“ durchgreifen zu wollen, sollte das Regime während der anhaltenden Unruhen Demonstranten töten. Zugleich sagte Trump dem Sender Fox News, er unterstütze ein parteiübergreifendes Sanktionsgesetz gegen Russland, über das der Kongress bereits in der kommenden Woche abstimmen könnte. Die Maßnahme zielt darauf ab, Käufer russischen Öls zu belangen, darunter vor allem China und Indien (08.01.2026 Grünes Licht für neue Russlandsanktionen - Ölfutures klettern).

„Engpässe beim Fluss sanktionierter Barrel und stabile Nachfragesignale scheinen zumindest vorläufig dem Hintergrund eines Überangebots im Jahr 2026 entgegenzuwirken“, kommentiert Priyanka Sachdeva von Phillip Nova. „Die Eskalation der geopolitischen Spannungen verstärkt die aktuelle Dynamik der Ölpreise“, so die Expertin.

Verschwunden ist das erwartete Überangebot damit aber keineswegs. Nach wie vorsieht sich der Markt in den kommenden Monaten mit einer regelrechten Ölschwemme konfrontiert. „Rohöl befindet sich weiterhin in einem komplexen Spannungsfeld zwischen erhöhten geopolitischen Risiken und steigenden Lagerbeständen“, erläutert Robert Rennie von der Westpac. Höhere Fördermengen aus Venezuela und ein steigender Ausstoß andernorts könnten laut dem Analysten dazu führen, dass sich die Preise im ersten Quartal im Bereich von 50 Dollar bewegen.

Zum Ausklang der Woche versuchen die Anleger weiterhin, die kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen der Entwicklungen in Venezuela zu bewerten. Zuletzt forderte Trump, dass Venezuela den USA uneingeschränkten Zugang zu seinem Ölsektor gewährt – nur wenige Tage nachdem Maduro am Samstag festgenommen worden war. US-Beamte erklärten, Washington werde die Ölverkäufe und -erlöse des Landes auf unbestimmte Zeit kontrollieren.

Rund 20 Führungskräfte aus der Ölbranche, darunter Vertreter von Exxon Mobil und Chevron, wollen sich am Freitag mit Trump und Spitzenbeamten im Weißen Haus treffen, um über den Wiederaufbau des Energiesektors in Venezuela zu sprechen. Dabei soll ein Streitpunkt auch die Vermarktung von bis zu 50 Mio. Barrel Öl sein, die die staatliche Ölgesellschaft PDVSA aufgrund der Sanktionen und der Tankerblockade in ihren Lagern angesammelt hat.

„Der Markt wird in den kommenden Tagen vor allem darauf achten, wie das in Venezuela gelagerte Öl verkauft und ausgeliefert wird“, glaubt Tina Teng, Marktstrategin bei Moomoo ANZ. „Die Sorge um ein Überangebot könnte bestehen bleiben, wenn es keine Verkaufsbeschränkungen gibt.“

Unabhängig von allen außenpolitischen Krisenherden könnte heute Nachmittag noch einmal die Fed-Zinspolitik in den Fokus der Anleger treten, denn in den USA stehen die offiziellen Arbeitsmarktdaten für Dezember auf dem Programm. Sollte hier eine stärker als erwartete Abkühlung gemeldet werden, könnte das die Zinssenkungsfantasien der Marktteilnehmer noch einmal anfeuern. Zuletzt hatte die US-Notenbank für 2026 nur eine weitere Senkung in Aussicht gestellt, Anleger preisen aber jetzt schon mindestens zwei weitere Anpassungen ein.

Die fundamentale Einschätzung fällt heute kurzfristig eher bullish aus, da neue geopolitische Risiken, wie etwa ein Angriff auf den Iran oder neue Sanktionen gegen Russland, die Preise stützen. Längerfristig bleibt die Angebotslage aber ein klar bearisher Faktor, der durch die Aussicht auf mehr Öl aus Venezuela eher verstärkt wird. Im Inland muss allerdings heute erst einmal mit sehr deutlichen Aufschlägen gerechnet werden, da die Preise durch die gestrige Rally klar gestiegen sind.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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