Fragile Waffenruhe hält stand – Straße von Hormus bleibt im Fokus

Straße von Hormus bleibt weitgehend blockiert
Trotz der Dienstagnacht ausgerufenen Waffenruhe und der versprochenen Öffnung der Straße von Hormus bleibt der Schiffsverkehr in der wichtigen Meerenge extrem verhalten. Reedereien und Tankerbetreiber weltweit begrüßten zwar die Feuerpause, betonen jedoch gleichzeitig, dass weitere Details erforderlich seien, um die Sicherheit des Schiffsverkehrs verlässlich einschätzen zu können.

Wie aktuelle Tankertracking-Daten zeigen, verließen am Mittwoch lediglich drei Schiffe die Region. Einige von ihnen standen in Verbindung mit dem Iran, dessen staatliche Medien später berichteten, dass die Durchfahrt nach Angriffen auf den Libanon weiterhin eingeschränkt bleibe. Unter normalen Umständen passieren täglich rund 135 Schiffe die Meerenge, während derzeit mehr als 800 Frachter im Persischen Golf festsitzen.

„Es wird sich zeigen, ob es sich nur um eine Verschnaufpause oder um echten Frieden handelt, unterdessen ist es aber höchst unwahrscheinlich, dass der Handel in der Golfregion einfach wieder aufgenommen wird“, meint Neil Roberts von der Lloyd’s Market Association. „Die Region bleibt einem erhöhten Risiko ausgesetzt, da keiner der zugrunde liegenden Konflikte gelöst wurde. Die zweitgrößte Containerschiff-Reederei der Welt, Möller-Maersk, erklärt, die Pause „könnte zwar Transitmöglichkeiten schaffen, bietet aber noch keine vollständige Sicherheit im Seeverkehr.“

Stand Mittwochmorgen warteten mehr als 1.000 Schiffe auf beiden Seiten der Meerenge. Darunter befinden sich derzeit 426 Tanker für Rohöl und raffinierte Produkte, 34 Flüssiggas-Tanker sowie 19 Schiffe für den Transport von verflüssigtem Erdgas. Die übrigen Frachter transportieren Trockengüter wie Agrarprodukte oder Metalle sowie Containerwaren. Wie schnell sich die Lage normalisiert, dürfte maßgeblich die weitere Entwicklung der globalen Rohstoffpreise bestimmen.

Iran bombardiert saudische Pipeline
Nur wenige Stunden nachdem die Waffenruhe zwischen Iran und USA verkündet wurde, haben iranische Drohnen offenbar die saudi-arabische Ost-West-Pipeline ins Visier genommen. Die Versorgungsleitung, die von den Ölfeldern im Osten des Landes ans Rote Meer führt, dient Riad aktuell als Alternativroute, um Ölmengen an den Markt zu bringen und die Passage durch den Persischen Golf zu umgehen.

Medienberichten zufolge ereignete sich der Angriff am frühen Mittwochmorgen, nur kurz nach der Ankündigung der Waffenruhe. Demnach wurde eine Pumpstation entlang der rund 1.200 Kilometer langen Leitung getroffen, durch die aktuell etwa 7 Mio. B/T an Öl Richtung Rotes Meer fließen. Nach der Sperrung der Straße von Hormus hatte Saudi-Arabien sich beeilt, die Durchflusskapazität der Pipeline zu erhöhen. Der Angriff scheint den Betrieb der Pipeline nicht beeinträchtigt zu haben, zeigt aber, wie fragil die Lage auch weiterhin bleibt.

Marktlage
Wo die überraschende Feuerpause Mittwoch früh noch für einen Preiseinbruch gesorgt hatte, überwiegen heute schon wieder die Zweifel über die Stabilität der Waffenruhe und die versprochene Öffnung der Straße von Hormus. Entsprechend orientieren sich die Notierungen an ICE und NYMEX heute wieder etwas nach oben. Gestern waren beide Referenzsorten unter 100 Dollar gefallen. Die US-Sorte WTI verzeichnete dabei den stärksten Rückgang seit April 2020.

Analysten zufolge zögern die Marktteilnehmer jedoch, geopolitische Risiken vollständig aus den Preisen herauszurechnen. Dafür scheint die aktuelle Waffenruhe zu instabil und die Verhandlungspositionen zu unterschiedlich. Am Freitag soll es erstmals seit Kriegsbeginn direkte Gespräche zwischen den USA und dem Iran geben – der Ausgang der Verhandlungen ist jedoch weiterhin höchst unsicher.

„Die Chancen auf eine baldige, umfassende Wiederöffnung der Straße von Hormus erscheinen gering“, fürchtet Vandana Hari, Gründerin des Analyseunternehmens Vanda Insights. Sie rechnet mit anhaltend hoher Volatilität bei den Ölpreisen. „Der Futures-Markt scheint ziemlich aus den Fugen geraten zu sein“, so die Expertin. Andernfalls hätten sich die Preise längst wieder auf das Niveau vor der Waffenruhe erholt.

Der nahezu vollständige Stillstand des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus hat zur größten Störung des Ölmarktes aller Zeiten geführt. Und die Situation ist aus Sicht von Ölmarktanalyst Dennis Kissler von BOK Financial Securities noch nicht ausgestanden: „Wir müssen eine vollständige und ungehinderte Öffnung der Meerenge sehen, bevor die WTI-Preise wieder in den niedrigen 80-Dollar-Bereich fallen. Und das sehe ich in den nächsten zwei Wochen nicht.“

Selbst wenn der Transit durch die Straße von Hormus wieder zunimmt, wird die Rückkehr zum Status Quo Zeit benötigen. Fast alle Produzenten in der Region mussten ihre Fördermengen reduzieren, Raffinerien haben ihre Produktion gedrosselt oder ganz eingestellt. In einigen Fällen dürfte es Wochen oder Monate dauern, bis wieder Normalbetrieb herrscht. Carl Larry vom Datenanbieter Enverus rechnet deshalb nicht damit, dass die Preise in absehbarer Zeit unter 90 Dollar fallen werden.

Unterdessen halten vereinzelte Kampfhandlungen an, darunter israelische Operationen im Libanon sowie iranische Angriffe auf andere Golfstaaten. Uneinigkeit besteht darüber, ob die Waffenruhe auch den Libanon einschließt. Der iranische Parlamentspräsident Mohammad-Bagher Ghalibaf erklärte auf der Plattform X, drei Klauseln der Waffenruhe seien verletzt worden. All das unterstreicht noch einmal, wie fragil die derzeitige Feuerpause tatsächlich ist.

Dennoch bleibt die fundamentale Einschätzung heute leicht bearish, da zumindest keine neue Eskalation erfolgt ist und die für morgen geplanten Gespräche in Pakistan weiterhin stattfinden sollen. An den Ölbörsen bleibt man jedoch vorsichtig, so dass die Notierungen an ICE und NYMEX heute früh etwas zulegen. Auch bei den Inlandspreisen zeichnen sich schon am Morgen Aufschläge im Vergleich zu gestern Vormittag ab.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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