Überversorgung und Friedensverhandlungen - Ölpreise unter Druck

Irak: Ölförderung am größten Ölfeld wiederhergestellt
Das West Qurna 2 Ölfeld ist nicht nur Iraks größtes Ölfeld, sondern gehört mit einer Kapazität von 460.000 B/T auch zu den größten der Welt. Die Produktion an der Anlage wurde mittlerweile wieder hochgefahren, nachdem sie gestern vorübergehend abgeschaltet wurde.

Die Betreiber des West Qurna 2 Ölfeldes hatten gestern ein Leck an einer Pipeline gemeldet, auf Grund dessen die Stilllegung erfolgte. Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme und nicht unbedingt operativ notwendig gewesen, heißt es. Die Anlage gehört zu 75% der sanktionierten, russischen Lukoil und zu 25% dem irakischen Staat.

Mit den neuen Sanktionen der USA gegen Lukoil wurde auch das West Qurna 2 Ölfeld auf die Sanktionsliste gesetzt. Damit das Ölfeld weiterhin Rohöl freiverkaufen kann sollen die 75% der Lukoil nun veräußert werden. Im Bieterrennen um die Anlage sind vor allem Chevron, das in den irakischen Markt einsteigen will, sowie Exxon, das schon viele Jahr im Irak aktiv ist und unter anderem auch am benachbarten West Qurna 1 Ölfeld beteiligt war.

Sudan: Bürgerkrieg beeinträchtig Ölförderung
Die sudanesischen Rapid Support Forces (RSF) haben das strategisch wichtige Ölfeld Heglig an der südlichen Landesgrenze zum Südsudan eingenommen, wo durch dessen Rohölförderung gestoppt wurde. Die Mitarbeiter der Anlage flüchteten in den Südsudan.

Während die RSF die „Befreiung“ des Ölfeldes als einen wichtigen Schritt in der Befreiung des gesamten Landes feiert, beeinträchtigt dies wohl auch die Ölindustrie des Südsudans. Der Südsudan spaltete sich 2011 vom Sudan ab und hat mit etwa 350.000 B/T den Großteil der ehemals gemeinsamen Ölförderung auf seinem Gebiet. Für den Verkauf seines Öls ist der Südsudan aber auf die Pipelines durch den Sudan angewiesen, wobei das Heglig Ölfeld die Hauptanlage zur Weiterverarbeitung des südsudanesischen Rohöls ist.

Durch den Zwischenfall könnte das globale Ölangebot daher um über 360.000 B/T sinken, bis das Ölfeld wieder hochgefahren wird. Der Bürgerkrieg im Sudan brach im April 2023 aus, als die RSF gegen die reguläre sudanesische Armee in der Hauptstadt Karthum putschte. Der Südsudan ist als ölreicherer Nachbar im Süden nur indirekt von den Kämpfen im Sudan betroffen und nicht direkt militärisch involviert.

Marktlage
Trader an den Ölbörsen blicken vor allem weiter auf die Friedensgespräche bezüglich des Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Hier spricht Kiew aktuell vor allem mit seinen europäischen Partnern, die einen Friedensvertrag über die Köpfe der Ukrainer hinweg ablehnen. Selenskyj stellte im Anschluss an die Gesprächsrunde noch einmal klar, dass es von Seiten der Ukraine keine rechtlichen Möglichkeiten zur Gebietsabtretung gibt – eine Hauptforderung Moskaus.

„Öl bleibt in einer engen Handelsspanne, bis wir eine bessere Vorstellung davon erhalten welchen Ausgang die Friedensverhandlungen nehmen, so Tim Waterer von KCM Trade. „Wenn die Gespräche abgebrochen werden, rechnen wir mit einer Aufwärtsbewegung für die Ölpreise, wenn es aber Fortschritte gibt und die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr russischen Öls steigt, würden wir mit einer Preissenkung rechnen,“ so Waterer weiter. Diese Einschätzung dürfte von den meisten Marktteilnehmern so geteilt werden, wobei es mit den aktuell verhärteten Fronten am Verhandlungstisch keine echte Aussicht auf ein schnelles Ende des Konfliktes gibt.

Entsprechend wäre ein Friedensvertrag mit einer Aufhebung aller Sanktionen gegen Russland eine echte Überraschung, die vom Markt momentan nicht eingepreist ist. Ein Scheitern der Verhandlungen würde hingegen nicht wirklich verwundern und somit auch keine stark bullishe Wirkung auf die Märkte haben.

Der kurze Ausfall am West Qurna 2 Ölfeld im Irak hat keinen nachhaltigen Einfluss auf die Preise gehabt, weshalb die Aufmerksamkeit des Markt schnell wieder „auf das zentrale Thema gelenkt wurde: ein hohes Angebot bei einer zurückhaltenden Nachfrageerwartung,“ so Analystin PriyankaSachdeva, von Phillip Nova. „Brent ist zurück in Richtung 62 Dollar gerutscht, was nahtlos den allgemeinen Erwartungen für Dezember entspricht.“ Die Fed Zinssenkung könnte Brent kurzfristig innerhalb der Spanne von 60 bis 65 Dollarstützen, die generelle Preisstruktur sei durch die Erwartung einer Überversorgung in 2026 aber stabil, so das Fazit von Sachdava.

Kurzfristig werden nun die US-Ölbestandsdaten sowie die Fed Zinsentscheidung Impulse liefern, während man immer ein Ohr auf den Verhandlungen mit Russland und Ukraine liegen hat. Kurzfristig ist der Markt für uns fundamental erst einmal wieder neutral einzustufen.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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