Die Ölfutures starteten mit einem insgesamt bullishen fundamentalen Umfeld in die neue Handelswoche. Auslöser waren vor allem die ersten US-Luftangriffe auf militärische Ziele im Iran seit Ende Juli und die anschliessenden iranischen Vergeltungsschläge. Die dadurch gestiegenen geopolitischen Risiken, insbesondere die Gefahr weiterer Schäden an der Energieinfrastruktur im Golf und möglicher Störungen des Schiffsverkehrs durch die Strasse von Hormus, stützten die Rohölpreise. Gleichzeitig wirkten jedoch Spekulationen über eine mögliche Zinserhöhung der US-Notenbank im September sowie steigende saudische Öllieferungen nach China preisdämpfend. Auch die Pläne der USA, venezolanisches Öl für die Auffüllung der strategischen Ölreserven zu nutzen, begrenzten den Aufwärtsdruck. Besonders stark entwickelten sich dagegen die Produktkontrakte, die von einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine weitere grosse russische Raffinerie und der Verlängerung des russischen Diesel-Exportverbots profitierten. Charttechnisch waren die Vorgaben ebenfalls klar positiv: Der Stochastik-Indikator lieferte an allen betrachteten Zeitebenen Kaufsignale, und die Kontrakte eröffneten mit einem Gap gegenüber dem Freitagsschluss. Während Brent und WTI ihre am Mittag erreichten Tageshochs im weiteren Handelsverlauf nicht mehr übertreffen konnten, setzten die Mitteldestillate ihre Aufwärtsbewegung bis zum späten Nachmittag fort. Gasoil überwand dabei das Hoch vom 21. August, das anschliessend als Unterstützung diente, und schloss nahe seinem neuen Tageshoch auf dem höchsten Niveau seit knapp drei Wochen. Der Anstieg bei Gasoil schuf auch bei den Inlandspreisen rechnerisches Potenzial für Aufschläge, das durch die leichte Erholung des Euro gegenüber dem US-Dollar nur geringfügig reduziert wurde.
Zusätzliche Unterstützung für die Öl- und insbesondere die Produktpreise könnte vom Tropensturm Edouard ausgehen, der sich über dem Golf von Mexiko entwickelt hat und in Richtung Texas und Louisiana zieht. Nach Einschätzung des National Hurricane Center könnte sich der Sturm vor seinem Landfall am Dienstag noch zu einem Hurrikan verstärken. Dadurch drohen Beeinträchtigungen der Offshore-Ölförderung sowie Betriebsunterbrechungen bei Raffinerien an der US-Golfküste. Starke Regenfälle, Sturmfluten und mögliche Stromausfälle könnten insbesondere zwischen Houston und Morgan City die Energieinfrastruktur belasten. Damit besteht kurzfristig das Risiko einer zusätzlichen Verknappung des ohnehin angespannten Kraftstoffangebots.
Die geopolitische Lage bleibt derweil der wichtigste Unsicherheitsfaktor für den Rohölmarkt. US-Präsident Trump kündigte nach den iranischen Vergeltungsschlägen auf US-Ziele in Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten eine harte Reaktion der USA an. Gleichzeitig betonte er, dass die aktuellen militärischen Auseinandersetzungen nicht zwangsläufig in einen umfassenden Krieg münden müssten. Auch der iranische Präsident Masoud Peseschkian signalisierte Interesse an einer diplomatischen Lösung und erklärte, eine Fortsetzung des Krieges liege weder im Interesse Irans noch der Region oder der Menschheit. Die weitere Entwicklung des Konflikts bleibt dennoch entscheidend, weil eine Eskalation die Energieinfrastruktur im Golf gefährden und den Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus beeinträchtigen könnte.
Auf Monatssicht stieg Brent im August um 0,40 Dollar auf 90,49 Dollar je Barrel, während WTI um etwas mehr als einen Dollar auf 85,76 Dollar zulegte. Die stärkere Entwicklung von WTI lässt sich unter anderem mit der zeitweise angespannten US-Versorgungslage erklären. Ende Juli lagen die US-Rohölbestände aufgrund hoher Nettoexporte und einer hohen Raffinerieauslastung auf dem niedrigsten Stand seit 2018. Im August erholten sich die Bestände zwar etwas, doch die jüngsten geopolitischen Spannungen könnten diese Entwicklung wieder umkehren. Gleichzeitig erwarten Analysten, dass Chinas Fähigkeit, seine Rohölimporte niedrig zu halten, mit dem Anziehen der saisonalen Nachfrage zunehmend auf die Probe gestellt wird. Die bisher vergleichsweise schwachen chinesischen Importe hatten in den vergangenen Monaten einen stärkeren Anstieg der Rohölpreise verhindert.
Neben dem Rohölmarkt bleibt vor allem der Kraftstoffmarkt angespannt. Die militärischen Auseinandersetzungen mit Iran und die ukrainischen Drohnenangriffe auf die russische Energieinfrastruktur haben das Angebot an Ölprodukten, insbesondere Diesel, reduziert. Edouard könnte diese angespannte Versorgungslage kurzfristig weiter verschärfen, falls Raffinerien an der US-Golfküste ihren Betrieb einschränken müssen. Für die weitere Marktentwicklung stehen deshalb neben der geopolitischen Lage auch die US-Lagerbestände im Fokus. Das American Petroleum Institute veröffentlicht am Dienstagabend seine Schätzung für die vergangene Woche, während die offizielle Statistik des US-Energieministeriums am Mittwoch folgt. Technisch orientieren sich die Kontrakte an ICE und NYMEX aktuell zwar wieder leicht nach unten, nachdem sie an Widerständen auf Verkaufsdruck gestossen sind. Bei den Inlandspreisen besteht im Vergleich zum Vortag rechnerisch jedoch weiterhin Potenzial für Aufschläge.