
Auslöser der jüngsten Spannungen war der Abschuss eines amerikanischen Militärhubschraubers vom Typ Apache AH-64 in der Straße von Hormus, für den das US-Militär den Iran verantwortlich macht. Als Reaktion ordnete US-Präsident Donald Trump einen Vergeltungsschlag gegen iranische Militärziele an. Die USA griffen in der Nacht mehrere Ziele im Iran an und bezeichneten die Operation als entschlossene Antwort auf den Hubschrauberabschuss. Zwar erklärte das US-Zentralkommando wenige Stunden später die Angriffe für beendet, doch der Iran reagierte umgehend mit eigenen Gegenmaßnahmen. Die Revolutionsgarden verurteilten die amerikanischen Angriffe als unbegründet und führten ihrerseits Vergeltungsschläge durch. Dabei griffen iranische Drohnen die in Bahrain stationierte Fünfte US-Flotte an, während iranische Medien zusätzlich von einem Angriff auf einen US-Stützpunkt in Jordanien berichteten. Trotz der Eskalation konnten die beiden Besatzungsmitglieder des abgeschossenen Hubschraubers gerettet werden und befinden sich laut US-Angaben in stabilem Zustand.
Parallel dazu rückte die Entwicklung am Ölmarkt in den Mittelpunkt. Das American Petroleum Institute (API) meldete für die Woche bis zum 5. Juni einen erneuten deutlichen Rückgang der US-Rohölvorräte. Die Lagerbestände sanken wesentlich stärker als von Analysten erwartet und erreichten damit möglicherweise bereits die siebte Woche in Folge einen Rückgang. Auch die Rohöllager im wichtigen Umschlagzentrum Cushing in Oklahoma gingen zurück. Während die Benzinvorräte ebenfalls deutlich schrumpften, stiegen die Bestände an Destillaten überraschend an. Die sinkenden Rohölbestände könnten sowohl auf eine höhere Auslastung der Raffinerien als auch auf steigende Exporte und geringere Nettoimporte zurückzuführen sein. Insbesondere die eingeschränkte Nutzung der Straße von Hormus erhöht derzeit die internationale Nachfrage nach amerikanischem Rohöl. Der Rückgang der Benzinvorräte deutet zudem auf eine stärkere Kraftstoffnachfrage hin, die durch den Beginn der US-Fahrsaison nach dem Memorial-Day-Wochenende zusätzlich gestützt wird.
Auch die US-Energiebehörde EIA passte ihre Marktprognosen an. In ihrem aktuellen Monatsbericht senkte sie sowohl die Erwartungen für den weltweiten Ölverbrauch als auch für die Fördermengen in den Jahren 2026 und 2027. Die Behörde geht davon aus, dass die Beeinträchtigungen im Nahen Osten und insbesondere die faktische Sperrung der Straße von Hormus den Ölmarkt stärker und länger belasten werden als bislang angenommen. Dadurch erwartet die EIA für das laufende Jahr eine deutlich stärkere Unterversorgung des Marktes, was kurzfristig höhere Ölpreise begünstigt. Entsprechend erhöhte sie ihre Preisprognosen für die kommenden Quartale.
Langfristig bleibt die Behörde jedoch optimistisch. Für das Jahr 2027 erwartet sie eine rasche Normalisierung der Lage. Ein starkes Wachstum der weltweiten Ölproduktion soll die derzeitige Unterversorgung in einen deutlichen Angebotsüberschuss verwandeln. Die EIA rechnet deshalb damit, dass die Ölpreise nach einem vorübergehenden Anstieg wieder sinken werden. Während der durchschnittliche Brent-Preis Anfang 2027 noch bei knapp 84 US-Dollar pro Barrel liegen soll, erwartet die Behörde bis Ende des Jahres einen Rückgang auf etwa 75 US-Dollar. Insgesamt bewertet die EIA die aktuelle Marktlage daher kurzfristig als preisstützend, langfristig jedoch als preisdämpfend.
Die allgemeine Markteinschätzung bleibt von Unsicherheit geprägt. Noch wenige Tage zuvor hatte Präsident Trump die Aussicht auf ein baldiges Abkommen mit dem Iran betont. Die jüngsten militärischen Auseinandersetzungen verdeutlichen jedoch, wie fragil die Situation im Nahen Osten weiterhin ist. Marktteilnehmer sehen zwar weiterhin Chancen für eine diplomatische Lösung, gleichzeitig unterstreichen die Ereignisse die anhaltenden Risiken für die globale Ölversorgung. Die EIA erwartet für das laufende Jahr ein erheblich größeres Angebotsdefizit als noch im Vormonat, geht aber davon aus, dass sich die Lage nach einer möglichen Entspannung des Konflikts wieder normalisieren wird. Zusätzliche Aufmerksamkeit richten die Märkte auf die bevorstehenden US-Inflationsdaten sowie den offiziellen Lagerbestandsbericht des US-Energieministeriums. Beide Veröffentlichungen könnten die Erwartungen hinsichtlich der Geldpolitik der US-Notenbank und damit auch die Entwicklung der Ölpreise maßgeblich beeinflussen. Insgesamt zeigen sich die Ölmärkte trotz der geopolitischen Spannungen zuletzt uneinheitlich, wobei kurzfristige Preissteigerungen bislang nicht ausreichten, um die vorherigen Verluste vollständig auszugleichen.