Geopolitik hält Rohöl-Preise über 100 US-Dollar

Iran-Konflikt verschärft den Preisdruck

Der Ölmarkt bleibt fest im Griff der geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten. Nach einer kurzen Phase relativer Ruhe hat sich der Konflikt zwischen den USA und Iran erneut deutlich verschärft. Teheran signalisiert, dass man auf eine weitere Eskalation vorbereitet ist und auf zusätzliche US-Angriffe mit verstärkten Gegenmaßnahmen reagieren will. Damit rückt eine kurzfristige diplomatische Entspannung in weite Ferne.Für den Ölmarkt ist vor allem die zunehmende Unsicherheit über die Versorgung aus der Golfregion entscheidend. Die erneuten Angriffe auf Schiffe und Ölinfrastruktur erhöhen das Risiko weiterer Lieferunterbrechungen. Gleichzeitig bleibt unklar, wie lange die Einschränkungen anhalten und in welchem Umfang die Ölströme durch die Straße von Hormus wieder normalisiert werden können.Diese Unsicherheit hat die Preise deutlich nach oben getrieben. Brent überschritt erstmals seit Juli wieder die Marke von 100 US-Dollar je Barrel und notiert auch aktuell oberhalb dieser Schwelle. Die jüngste Eskalation hat damit die geopolitische Risikoprämie am Ölmarkt erneut deutlich erhöht.

Straße von Hormus bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor

Besondere Aufmerksamkeit gilt weiterhin der Straße von Hormus. Vor Beginn des Konflikts liefen dort erhebliche Teile des weltweiten Öl- und Produkthandels. Inzwischen liegen die tatsächlichen Transportmengen deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Gleichzeitig erschweren sogenannte „Dark Crossings“, bei denen Tanker ihre Ortungssysteme abschalten, die Einschätzung der tatsächlichen Lieferströme zusätzlich. Nach aktuellen Marktanalysen erreichen die Exporte aus der Golfregion derzeit nur etwa zwei Drittel des früheren Niveaus. Für die Preisbildung ist diese Unsicherheit entscheidend: Selbst wenn weiterhin relevante Mengen den Markt erreichen, sorgt allein die fehlende Transparenz über die tatsächlichen Lieferströme für eine hohe Risikoprämie. Sollte sich die Situation an der Straße von Hormus weiter verschärfen, besteht daher erhebliches zusätzliches Aufwärtspotenzial. Gleichzeitig verhindern alternative Exportwege und zusätzliche Fördermengen anderer Produzenten bislang einen noch stärkeren Preissprung. Genau deshalb beobachten Marktteilnehmer derzeit sehr genau, ob sich die physischen Lieferungen weiter stabilisieren oder erneut zurückgehen.

Fundamentales Umfeld bleibt angespannt

Trotz der hohen Preise spricht derzeit vieles dafür, dass der Markt fundamental eng bleibt. Die physischen Spotmärkte zeigen bereits deutliche Anzeichen einer knappen Versorgung. Gleichzeitig sorgen die geopolitischen Risiken dafür, dass Marktteilnehmer eine zusätzliche Sicherheitsmarge einpreisen. Auch die Nachfrageentwicklung bleibt ein wichtiger Faktor. Eine schwächere Nachfrage – insbesondere in China – kann den Preisanstieg bremsen. Steigende chinesische Rohölkäufe würden dagegen den Effekt möglicher Lieferausfälle verstärken und zusätzlichen Aufwärtsdruck erzeugen. Damit bleibt das Marktbild zweigeteilt: Einerseits können zusätzliche Liefermengen, alternative Transportwege und eine schwächere Nachfrage den Preisanstieg begrenzen. Andererseits reichen bereits neue Störungen im Persischen Golf aus, um die Preise deutlich nach oben zu bewegen.

Unser Marktfazit:

Die fundamentale Ausgangslage bleibt bullish, die Volatilität hoch. Die Eskalation zwischen den USA und Iran hält die geopolitische Risikoprämie hoch und Brent weiterhin oberhalb von 100 US-Dollar. Solange die Ölströme durch die Straße von Hormus nicht nachhaltig normalisiert sind, bleibt das Risiko weiterer Preisschübe bestehen.

Für die kommenden Handelstage richten sich die Blicke deshalb vor allem auf drei Faktoren: die weitere Entwicklung des Iran-Konflikts, die tatsächlichen Ölströme durch die Straße von Hormus sowie die US-Lagerdaten. Kommt es zu einer weiteren Eskalation oder zu zusätzlichen Einschränkungen der Exporte, dürfte der Markt schnell wieder deutlich anziehen. Eine Entspannung bei der Schifffahrt und solide US-Lagerbestände könnten dagegen vorübergehend für Entlastung sorgen.

Unsere Empfehlung: Das aktuell hohe Preisniveau spricht nicht gegen Käufe, sondern für eine vorausschauende Absicherung. Wer in den kommenden Wochen und Monaten Energie benötigt, sollte günstige Rücksetzer gezielt für Teilabsicherungen nutzen und die weitere Preisentwicklung eng begleiten. Damit lassen sich sowohl das Risiko weiterer Preisanstiege begrenzen als auch Chancen bei möglichen kurzfristigen Korrekturen offenhalten.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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