Ölfutures geben nach Fed-Zinssitzung nach

USA beschlagnahmen Öltanker vor Venezuelas Küste
US-Soldaten haben vor der Küste Venezuelas einen Öltanker beschlagnahmt. Einem amerikanischen Regierungsmitglied zufolge soll der "staatenlose" Tanker gegen die Sanktionen verstoßen haben, mit denen die US-Regierung Venezuelas Ölindustrie belegt hat. Venezuelas Außenministerium verurteilte die Beschlagnahme und nannte das Vorgehen der US-Soldaten einen "dreisten Raubüberfall und Akt internationaler Piraterie".

US-Präsident Trump bestätigte den Vorfall und sagte im Weißen Haus: "Wir haben gerade einen Tanker vor der Küste Venezuelas beschlagnahmt – einen großen Tanker, sehr groß, den größten, der jemals beschlagnahmt wurde." Der Präsident fügte hinzu: "Und es geschehen noch weitere Dinge."

Washington hatte zuletzt den Druck auf das Maduro-Regime zunehmend erhöht und zahlreiche Schläge gegen Schiffe durchgeführt, die angeblich zum Drogenschmuggel genutzt wurden. Nun scheinen die USA wohl auch aktiv gegen die Umgehung der Sanktionen beim venezolanischen Ölhandel vorzugehen.

Marktlage
Die Rohölpreise an ICE und NYMEX legten am gestrigen Mittwoch wieder leicht zu, nachdem sie in der ersten Wochenhälfte deutlich nachgegeben hatten. Einer der Gründe für den Anstieg dürfte die Zinssenkung der Fed um 25 Basispunkte gewesen sein, die die Aktienmärkte und damit letztlich auch die Ölfutures am späten Abend steigen ließ.

Allerdings könnte heute schon wieder die Ernüchterung kommen, denn in der Pressekonferenz zur jüngsten Sitzung des Fed-Offenmarktausschusses (FOMC) versetzte Fed-Chef Jerome Powell den Hoffnungen auf eine weitere Zinssenkung im Januar einen erheblichen Dämpfer. Da Zinssenkungen die Kreditkosten senken und den Dollar tendenziell belasten, profitiert die Wirtschaft und somit auch die Ölnachfrage für gewöhnlich von ihnen. Dementsprechend wirkt die sinkende Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinssenkung bei der FOMC-Sitzung von Januar auf die Ölfutures bearish.    

Diesem bearishen Faktor könnte heute auch eine höhere geopolitische Risikoprämie entgegenwirken, nachdem US-Soldaten einen Öltanker vor der Küste Venezuelas gestürmt haben. "Die Beschlagnahmung eines venezolanischen Tankers durch die USA stellt eine klare Eskalation von Finanzsanktionen hin zu physischen Maßnahmen dar – sie erhöht das Risiko für Caracas und alle, die venezolanische Exporte ermöglichen", kommentiert Jorge Leon, Leiter der geopolitischen Analyse bei Rystad Energy den Vorfall, der hinzufügt: "Solche Aktionen setzen den Preisen eine geopolitische Untergrenze: Selbst geringe Mengen können die Stimmung beeinflussen, wenn es um die Seewege und eine Eskalation zwischen Staaten geht."

Der Analyst Tony Sycamore von IG geht davon aus, dass die jüngsten Entwicklungen in Sachen Venezuela den Rohölpreis bis Ende des Jahres vermutlich über 55 Dollar pro Barrel halten dürfte, "sofern es nicht zu einem unerwarteten Friedensabkommen in der Ukraine kommt“. Dies bleibt bislang jedoch weiterhin aus.

Im heutigen Tagesverlauf dürfte der Fokus nun auf die aktuellen Monatsberichte von IEA und OPEC übergehen. Letztere hatte in ihrem Bericht von November damit überrascht, dass sie den Ölmarkt im dritten Quartal als eindeutig überversorgt einschätzte und damit die Annahme eines Angebotsdefizits, das aus dem vorangegangenen Bericht hervorgegangen war, deutlich korrigierte.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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