Iran-Krieg: Komplette Blockade oder neue Verhandlungen? – Ölpreise bleiben volatil

Neue Hoffnung für USA/Iran-Verhandlungen
Am Wochenende sah es noch so aus, als seien die Verhandlungen zwischen Washington und Teheran endgültig gescheitert, eine erneute Kriegseskalation schien unvermeidlich. Doch nun hat sich der Wind offenbar doch wieder gedreht und beide Seiten signalisieren ihre Bereitschaft, noch vor dem Ablauf der zweiwöchigen Feuerpause neue Gespräche aufzunehmen.

Gestern Abend sagte Donald Trump in einem Interview, der Iran habe Kontakt zu den USA aufgenommen. „Wir wurden heute Morgen von den richtigen, den zuständigen Personen kontaktiert, und sie wollen eine Einigung erzielen“, erklärte der US-Präsident, ohne jedoch nähere Angaben zu den Gesprächspartnern zu machen.

Auch der Iran bestätigte, dass weiterhin Interesse an Gesprächen bestehe, denn Differenzen ließen sich nicht in einer einzigen Verhandlungsrunde ausräumen. Details gab aber auch Teheran nicht. Größter Streitpunkt zwischen den beiden Kriegsparteien bleibt neben der Straße von Hormus das iranische Atomprogramm, an dem die letzten Verhandlungen gescheitert waren. Trump betonte gestern erneut, dass die USA dem Iran nicht erlauben würden, Atomwaffen zu besitzen.

Konkrete Informationen zu einer neuen Gesprächsrunde gibt es noch nicht. Aus Insiderkreisen heißt es, dass auch Vertreter der Türkei und Ägyptens diplomatisch in die Bemühungen zur Beendigung des Konflikts eingebunden seien. Damit wächst die Möglichkeit, dass ein künftiges Treffen in einem dieser beiden Länder stattfinden könnte. Auch Pakistans Hauptstadt Islamabad bleibt als Austragungsort wahrscheinlich. Ob sich die Differenzen allerdings bei weiteren Verhandlungen überwinden lassen, bleibt fraglich.

Marktlage
Die Volatilität an den Ölbörsen bleibt hoch, denn jede einzelne Meldung zu den Entwicklungen im Nahen Osten hat das Potenzial, die Kurse zu bewegen. So sind es aktuell die neuen Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Friedensverhandlungen, die schon gestern Abend für eine Abwärtskorrektur gesorgt hatten und Brent und WTI wieder unter 100 Dollar gedrückt haben.

Am Markt hofft man, dass möglicherweise doch noch eine Lösung für die Straße von Hormus gefunden werden kann, die die sichere Durchfahrt gewährt und damit den massiven Exportstau auflösen kann, der sich seit Anfang März aufgebaut hat. Offenbar haben sowohl die USA, als auch der Iran signalisiert, für weitere Gespräche offen zu sein.

„Obwohl die Friedensgespräche in Pakistan am Wochenende gescheitert sind, ist es Trump gelungen, den Ölpreis wieder etwas zu dämpfen, indem er die Aussicht auf ein mögliches Abkommen in Aussicht stellte“, kommentiert Tim Waterer, Chef-Marktanalyst bei KCM Trade, die Lage.

Die Aussicht auf neue Verhandlungen dürfte starke Ausschläge bei den Ölpreisen begrenzen, glaubt auch Robert Rennie von Westpac. Er warnt aber gleichzeitig vor der realen Verschärfung der Angebotsknappheit, selbst wenn „diplomatische Signale die wichtigen Referenzpreise bei oder unter 100 US-Dollar“ hielten. Solange der Verkehr durch die Straße von Hormus eingeschränkt bleibe, müsse man auch mit hohen Preisen rechnen.

Unterdessen hat die US-Regierung mit ihrer Blockade von Schiffen begonnen, die iranische Häfen im Golf anlaufen oder verlassen wollen. Das US-Militär bekräftigte am Montag, dass die Maßnahmen auf den Golf von Oman und das Arabische Meer ausgeweitet würden. Schiffsverfolgungsdaten zeigten, dass mit Inkrafttreten der Maßnahme zwei Tanker in der Meerenge umkehrten. Insgesamt ging der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus am Montag erneut zurück, obwohl es am Sonntag noch nach einer leichten Erholung ausgesehen hatte.

„Die Maßnahmen der US-Marine werden den wirtschaftlichen Druck auf den Iran sicherlich verstärken“, erklärt Will Todman, Senior Fellow im Nahostprogramm des Center for Strategic and International Studies. „Aber der Iran ist nichtder einzige Akteur, der unter den wirtschaftlichen Folgen zu leiden hat. Eine US-Blockade wird auch den Druck auf die Energiepreise verschärfen und der Weltwirtschaft weiteren Schaden zufügen.“

Der Internationale Währungsfonds dürfte deshalb heute ins gleiche Horn stoßen und will angesichts der wirtschaftlichen Folgen des Konflikts seine Prognosen nach unten korrigieren. IWF-Chefin Kristalina Georgieva kündigte im Vorfeld der Frühjahrstagung in Washington an, die Wachstumsprognosen würden „herabgestuft“.

Heute Vormittag wird zudem noch die IEA ihren Monatsbericht vorlegen, der neue Einblicke in die Angebots- und Nachfragesituation für dieses und das kommende Jahr geben soll. Bereits am Montag hatte IEA-Chef Fatih Birol erklärt, die Ölpreise spiegelten das Ausmaß der Versorgungskrise bislang noch nicht vollständig wider – dies dürfte sich jedoch bald ändern. EIA und OPEC hatten in ihren Monatsberichten ebenfalls schon erste bullishe Anpassungen vorgenommen.

Aus fundamentaler Sicht bleibt die Lage leicht bullish, obwohl die Tatsache, dass es neue Gespräche geben könnte, das Risiko etwas abmildert. Dennoch bleibt die Straße von Hormus effektiv gesperrt und die Angebotssituation damit prekär.

Daniel Ehrler
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