Ukraine im Fokus

Ukraine-Gespräche in Berlin brachten laut US-Delegation"große Fortschritte"
Am gestrigen Sonntag begann in Berlin eine Gesprächsrunde zwischen der Ukraine und den USA über den Friedensplan für die Ukraine. In einem Beitrag, den der US-Sonderbeauftragte Steve Witkoff über den Kurzmitteilungsdienst X veröffentlichte, hieß es gestern: "Das Treffen in Berlin zwischen Präsident Selenskyj, Sondergesandtem Witkoff, Jared Kushner und Delegationen aus den USA und der Ukraine dauerte über fünf Stunden. Die Vertreter führten ausführliche Gespräche über den 20-Punkte-Plan für den Frieden, wirtschaftliche Themen und weitere Aspekte. Es wurden bedeutende Fortschritte erzielt, und ein weiteres Treffen ist für morgen Vormittag geplant."

Details darüber, was gestern besprochen wurde, liegen bislang nicht vor. Die Bundesregierung kündigte jedoch an, Kanzler Merz werde sich am heutigen Montag unter anderem auch zu einem "Austausch über den Stand der Friedensverhandlungen" mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj treffen. Am Abend wollen sich dann auch mehrere europäische Staats-und Regierungschefs sowie hochrangige Vertreterinnen und Vertreter von EU und NATO anschließen.

Selenskyj gab zuletzt an, ein Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie wäre denkbar, wohin gegen ein Abzug der ukrainischen Truppen aus den noch nicht von Russland eingenommenen ukrainischen Gebieten in Donezk und Luhansk nicht in Frage komme. Kiew sei außerdem bereit, das Bestreben, die Ukraine an die NATO anzuschließen, aufzugeben. Dafür brauche die Ukraine allerdings im Gegenzug Sicherheitsgarantien der USA sowie europäischer und anderer Partner.

Ukrainischer Drohnenangriff trifft Ölbohranlage im Kaspischen Meer
Während in Berlin über die Bedingungen für einen Frieden in der Ukraine verhandelt wurde, griffen ukrainische Drohnen am Wochenende erneut Anlagen der russischen Ölinfrastruktur an. Dabei wurde erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine auch eine Ölbohranlage im Kaspischen Meer zum Angriffsziel.

So sollen Insidern zufolge wichtige Vorrichtungen der aus zwei Plattformen bestehenden Filanowsky Ölbohranlage durch den Drohnenangriff beschädigt worden sein, so dass der Produktionsbetrieb unterbrochen werden musste. Die Ukraine hatte die 2016 in Betrieb genommene Filanowsky Anlage am vergangenen Donnerstag schon einmal ins Visier genommen. Bei Normalbetrieb werden an der Anlage des russischen Unternehmens Lukoil täglich rund 120.000 Barrel Öl aus Russlands größtem Ölfeld im Kaspischen Meer gefördert.

Schon seit Längerem greifen die Ukraine und Russland die Energieinfrastruktur des jeweils anderen an. Kiew zielt dabei darauf ab, Moskau die wichtigste Einnahmequelle zur die Finanzierung des Angriffskriegs zu nehmen. Seit dem vergangenen Monat nimmt die Ukraine auch unregulierte Tanker im Schwarzen Meer, die russisches Öl geladen haben, ins Fadenkreuz.

Neben der Ölbohranlage im Kaspischen Meer hat die Ukraine bei den am Wochenende durchgeführten Drohnenangriffen auf Russlands Energieinfrastruktur eigenen Angaben zufolge auch die Afipsky-Raffinerie sowie ein Öllager getroffen. Sowohl an der Raffinerie, als auch am Öllager sollen infolge des Angriffs Brände ausgebrochen sein. Die Raffinerie in der Region Wolgograd, an der normalerweise im Tagesdurchschnitt etwa 180.000 Barrel Rohöl verarbeitet werden, geriet dabei nicht zum ersten Mal ins Visier Kiews. Zuletzt hatte im September ein Drohnenangriff einen Brand an der Anlage verursacht.

Marktlage
In der vergangenen Woche gaben die Rohölpreise an ICE und NYMEX wieder deutlich nach. Dabei verzeichneten Brent und WTI zeitweise den niedrigsten Stand seit Oktober. Dies lag einerseits daran, dass die Monatsberichte von EIA und IEA erneut die Sorgen bezüglich eines Überangebots untermauerten, während der Markt zunehmend auf eine baldige Einigung auf einen Friedensplan für die Ukraine setzte. Eine solche Einigung steht zu Beginn der neuen Handelswoche jedoch immer noch aus und auch die Spannungen zwischen Venezuela und den USA lassen die geopolitischen Risiken nicht ganz in Vergessenheit geraten.

"Die geopolitische Prämie ist nicht verschwunden, sie wird derzeit nur von der Erzählung über das Überangebot verdrängt", meint auch Charu Chanana, Chef-Anlagestrategin bei Saxo Markets, die zudem anmerkt: "Geopolitische Faktoren wirken eher als Begrenzung nach unten denn als Katalysator für einen nachhaltigen Preisausbruch."

Auch Tsuyoshi Ueno, leitender Ökonom am NLI Research Institute, sieht die geopolitischen Risiken derzeit eher als Faktor, der stärkere Preisrückgänge verhindert. "Die Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine schwanken zwischen Optimismus und Vorsicht, während die Spannungen zwischen Venezuela und den USA zunehmen und Befürchtungen hinsichtlich potenzieller Lieferengpässe schüren", so der Experte, der fortfährt: "Da den Märkten jedoch eine klare Richtung fehlt, bleiben die Sorgen über ein Überangebot groß, und sofern sich die geopolitischen Risiken nicht deutlich verschärfen, könnte der WTI-Preis Anfang nächsten Jahres unter 55 US-Dollar fallen."

Unterdessen bleibt auch abzuwarten, wie die Märkte heute auf die jüngsten Drohnenangriffe der Ukraine auf russische Energieinfrastruktur reagieren werden. Nachdem am vergangenen Donnerstag bereits erstmals seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine russische Ölbohranlage im Kaspischen Meer zum Ziel der ukrainischen Drohnen geworden war, soll diese bei dem jüngsten Angriff vom Wochenende nun auch beschädigt und vorübergehend abgeschaltet worden sein.

Gemischte Impulse aus Richtung der Nachfrage geben heute Daten aus China. Während die Einzelhandelsumsätze und die Industrieproduktion der Volksrepublik im November entgegen den Erwartungen einen schwächeren Anstieg aufwiesen als noch im Oktober, sollen die Ölnachfrage und die Raffinerieaktivität Chinas im vergangenen Monat auf Jahressicht gestiegen sein.

Im weiteren Wochenverlauf stehen auch aus den USA und der Eurozone noch zahlreiche wichtige Konjunkturindikatoren auf der Agenda. Davon abgesehen warten die Trader auf die nächste geldpolitische Sitzung des EZB-Rats. Der Zinsentscheid des Gremiums wird am Donnerstagnachmittag bekannt gegeben, wobei bei der EZB wie schon bei der Fed wohl die Pressekonferenz zur Sitzung im Vordergrund stehen dürfte. Die US-Notenbank hatte vergangene Woche wie erwartet eine Zinssenkung um 25 Basispunkte beschlossen, Fed-Chef Jerome Powell dämpfte jedoch die Hoffnungen auf eine weitere Zinssenkung im Januar.

An den Ölbörsen versuchen die Kontrakte nach einem festeren Start aktuell, eine klare Richtung zu finden.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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