Ölfutures vor US-Inflationsdaten unterhalb der Vortageshochs

Kapazitäten an Venezuelas Öllager werden knapp 
Nach der Beschlagnahme eines Öltankers vor Venezuela und der Anordnung einer Blockade sanktionierter Tanker seitens des US-Präsidenten stößt das OPEC-Mitglied allmählich auf ein weiteres Problem: Die Lagerkapazitäten für Öl werden knapp. Dies gilt zum einen für das Hauptöllager Venezuelas, wie auch für die Tanker an den venezolanischen Exporthäfen, in denen das Öl vorübergehend gespeichert werden kann.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet mit Verweis auf Personen, die mit der aktuellen Situation vor Ort vertraut sind, dass die Lagerkapazitäten in etwa 10 Tagen ausgereizt sein dürften. Kann die staatliche Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela SA (kurz: PdVSA) das geförderte Öl nicht mehr exportieren und auch nicht mehr lagern, wird sie aller Voraussicht nach dazu gezwungen sein, die Produktion an einigen Quellen zu unterbrechen.

In Kooperation mit der PdVSA ist das US-Ölunternehmen Chevron in Venezuela weiterhin aktiv und fördert dort rund 200.000 B/T. Die US-Regierung hatte Chevron dafür eine Genehmigung erteilt, die allerdings zahlreiche Auflagenbeinhaltet. Insgesamt fördert Venezuela täglich rund 0,9 Mio. Barrel Rohöl, wovon es etwa 0,6 Mio. B/T exportiert. Wie die Blockade der sanktionierten Öltanker umgesetzt werden soll, dazu liegen bislang noch keine konkreten Ausführungen der US-Regierung vor, die schiere Angst davor, dass die eigenen Tanker ebenfalls von den USA beschlagnahmt werden, sorgt bei vielen Reedereien allerdings jetzt schon dafür, dass sie ihre Schiffe lieber nicht in Richtung Venezuela schicken. 

Marktlage
Nachdem die Rohölpreise an ICE und NYMEX gestern eine leichte Aufwärtskorrektur vollzogen, startete Brent heute wieder oberhalb der psychologisch wichtigen Preismarke von 60 Dollar pro Barrel. Über das Hoch von Mittwoch konnte sich der Nordsee-Rohölkontrakt - wie auch sein US-Pendant WTI - heute Morgen allerdings nicht hinwegsetzen.

Dies mag daran liegen, dass die landesweiten Rohölvorräte der USA dem DOE zufolge in der vergangenen Woche mit -1,3 Mio. Barrel nicht einmal ansatzweise so stark zurückgingen, wie es das API geschätzt hatte (-9,3 Mio. Barrel). Davon abgesehen steht heute aber auch der nächste Inflationsbericht aus den USA zur Veröffentlichung aus, vor dem die Marktteilnehmer vermutlich wieder eher zurückhaltend agieren dürften. Auch wenn Fed-Chef Jerome Powell nach der jüngsten Zinssitzung der US-Notenbank vergangene Woche signalisierte, dass die Zinsen in den USA im Januar wohl erst einmal nicht weiter gesenkt werden dürften, werden sich die Investoren wie so oft ihren eigenen Reim auf die Inflationsdaten für US-November machen, was dann nicht nur den EUR/USD-Kurs, sondern auch die Preise an den Ölbörsen beeinflussen kann.

Weiter im Fokus bleiben unterdessen die geopolitischen Entwicklungen. Während die von US-Präsident Trump angekündigte Blockade von sanktionierten Schiffen, die Venezuela anlaufen oder verlassen, den Preisen zwar kurzzeitig Auftrieb verleiht, dürfte sich der tatsächliche Effekt auf das weltweite Ölangebot doch in Grenzen halten, da Venezuela mit seinem Öl gerade einmal 1% der globalen Ölnachfrage deckt.

Schwerer könnte da schon eine erneute Verschärfung der US-Sanktionen gegen Russland wiegen, sollte sich Moskau nicht auf ein Friedensabkommen mit der Ukraine einlassen. "Angesichts der Aussichten auf einen Überschuss und des Brent-Preises von rund 60 Dollar pro Barrel hat Trump Spielraum für aggressivere Sanktionen", kommentieren die Analysten der ING die Tatsache, dass der US-Präsident zuletzt sowohl Venezuela, als auch Russland gegenüber mit der Sanktionskeule schwang.

Von den Verhandlungen zwischen Delegationen der Ukraine, den USA und Europa Anfang der Woche scheint Russlands Präsident Wladimir Putin nicht viel zuhalten, denn erst am gestrigen Mittwoch drohte dieser noch, er werde notfalls mit Gewalt die Gebiete der Ukraine einnehmen, sollten die europäischen Mächte den Vorschlägen der US-Regierung für eine Einigung nicht zustimmen. Die Ukraine setzt derweil ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur fort und erzielt dabei auch immer wieder Erfolge.

Die Marktteilnehmer haben das Narrativ der Überversorgung aber mittlerweile offenbar so verinnerlicht, dass sie sich schwer tun, wieder stärker aufsteigende Preise zu setzen. Dies zeigt auch die Tatsache, dass die Ölfutures an ICE und NYMEX heute Morgen von den Vortageshochs wieder zurückkehrten. Nichtsdestotrotz notieren sie derzeit oberhalb der Settlementniveaus von Mittwoch. Bei den Inlandspreisen zeichnet sich aktuell noch keine klare Richtung zu gestern ab.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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