
Nach der bereits am Mittwoch erfolgten Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen US-Präsident Trump und dem iranischen Präsidenten Peseschkian starteten die Ölmärkte am Donnerstag mit überwiegend preisdämpfenden Signalen. Zusätzlich verstärkte die Internationale Energieagentur (IEA) diese Stimmung, indem sie in ihrem Juni-Bericht für das Jahr 2027 ein deutliches Überangebot auf dem Ölmarkt prognostizierte. Zwar trat mit dem Interimsabkommen die Wiederöffnung der Straße von Hormus in Kraft, dennoch blieben die durch die Meerenge transportierten Ölmengen zunächst deutlich unter dem Niveau vor Ausbruch des Konflikts. Gleichzeitig sanken die US-Ölbestände weiter, was den Markt teilweise stützte.
Aus charttechnischer Sicht blieb die Lage zunächst ebenfalls eher schwach. Insbesondere Gasoil unterschritt sein Vortagestief, wobei die Kontrakte insgesamt nur noch begrenztes weiteres Abwärtspotenzial aufwiesen. Kurz vor Handelsbeginn in Europa stabilisierten sich die Ölpreise an wichtigen Unterstützungsmarken und erholten sich leicht. Diese Erholung fiel jedoch begrenzt aus, da sich der US-Dollar nach den jüngsten Signalen der US-Notenbank zu möglichen Zinserhöhungen wieder festigte. Zusätzlich belasteten Berichte über steigende Fördermengen in mehreren Staaten am Persischen Golf sowie erfolgreiche ukrainische Drohnenangriffe auf russische Energieanlagen die Notierungen. Die langfristig optimistischen Nachfrageprognosen der OPEC konnten diesen Druck nur teilweise ausgleichen.
Mit Beginn des US-Handels gaben die Ölpreise erneut nach, da Marktteilnehmer die Auswirkungen des vorzeitig unterzeichneten USA-Iran-Abkommens verstärkt einpreisten. Im weiteren Handelsverlauf setzte jedoch eine Gegenbewegung ein. Gegen Ende des europäischen Handels und im Abendhandel stiegen die Preise für Brent und WTI wieder deutlich an und erreichten neue Tageshöchststände. Auslöser waren zunehmende Zweifel am Erfolg der für Freitag geplanten Gespräche über ein endgültiges Abkommen zwischen den USA und Iran. Während Brent den Handelstag mit einem leichten Plus abschloss, beendeten WTI und Gasoil den Tag unter den jeweiligen Vortagesniveaus. Auch die zuvor erwarteten Preisrückgänge auf dem Binnenmarkt schwächten sich am Abend deutlich ab.
Die für Freitag auf dem Bürgenstock in der Schweiz vorgesehenen Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen zwischen den USA und Iran wurden kurzfristig verschoben. Der Iran begründete dies damit, dass die im Rahmenabkommen geforderte Waffenruhe noch nicht an allen Fronten umgesetzt worden sei. Insbesondere die fortgesetzten Kämpfe zwischen Israel und der vom Iran unterstützten Hisbollah im Libanon verhinderten nach Ansicht Teherans die Fortsetzung der Gespräche. Medienberichten zufolge setzte der Iran die Verhandlungen vorübergehend aus und knüpfte ihre Wiederaufnahme an ein nachweisliches Ende der israelischen Angriffe im Libanon. Parallel dazu sagte US-Vizepräsident JD Vance seine geplante Reise in die Schweiz ab. Bereits vor der Unterzeichnung des Rahmenabkommens hatte der Iran deutlich gemacht, dass anhaltende Kampfhandlungen oder die fortgesetzte Präsenz israelischer Streitkräfte im Libanon das gesamte Abkommen gefährden könnten.
US-Präsident Trump appellierte daraufhin öffentlich an alle Konfliktparteien, die Waffen schweigen zu lassen, und forderte ausdrücklich einen umfassenden Waffenstillstand, der auch den Libanon, die Hisbollah und Israel einschließt. Gleichzeitig verschärfte die US-Regierung den Druck auf die Hisbollah, indem das Finanzministerium mehrere Mitglieder, Unterstützer und mit ihrem Finanznetzwerk verbundene Einrichtungen mit Sanktionen belegte. Washington wirft ihnen vor, den Friedensprozess im Libanon zu behindern und die Entwaffnung der Miliz zu verzögern.
Die Marktteilnehmer konzentrieren sich derzeit vor allem auf die Frage, welche Auswirkungen die Absichtserklärung zwischen Washington und Teheran auf die Ölversorgung im Persischen Golf haben wird. Unsicherheit besteht insbesondere darüber, wie lange das vorläufige Abkommen Bestand haben wird und ob innerhalb der vorgesehenen Frist von 60 Tagen tatsächlich ein endgültiger Vertrag ausgehandelt werden kann. Das US-Zentralkommando hob inzwischen die Seeblockade für Schiffe mit Ziel oder Herkunft iranischer Häfen auf, sodass erste Tanker die Straße von Hormus wieder passieren konnten. Gleichzeitig kündigten mehrere Golfstaaten bereits Produktionssteigerungen an oder setzten diese um. Dennoch bleibt unklar, wie schnell sich die Lieferketten normalisieren werden und wie viel zusätzliches Öl tatsächlich kurzfristig auf den Markt gelangen kann. Währenddessen nehmen die globalen Ölreserven weiter ab.
Analysten der BNP Paribas gehen deshalb nicht davon aus, dass die Ölpreise wieder auf das Niveau vor dem Iran-Krieg zurückfallen. Sie betrachten einen Preis von rund 75 US-Dollar je Barrel Brent als wahrscheinliche dauerhafte Untergrenze, da weiterhin Versorgungsengpässe bestehen und die Nachfrage hoch bleibt. Gleichzeitig wächst zum Ende der Woche die Sorge, dass die Straße von Hormus erneut geschlossen werden könnte, falls das vorläufige Friedensabkommen aufgrund der anhaltenden Kämpfe im Libanon scheitert.
Langfristig bleibt die OPEC hinsichtlich der weltweiten Ölnachfrage optimistisch und erwartet weiteres Wachstum über das Jahr 2050 hinaus. Als wichtigster Wachstumstreiber gilt künftig vor allem Indien, während die Bedeutung Chinas abnimmt. Die Forschungsabteilung von PetroChina rechnet sogar damit, dass die chinesische Ölnachfrage im laufenden Jahr um 4,9 Prozent auf 753 Millionen Tonnen sinken wird. Trotz dieser eher verhaltenen Nachfrageaussichten für China dominieren an den Ölbörsen aktuell die Sorgen über die stockenden Verhandlungen zwischen den USA und Iran. Entsprechend tendieren die Ölpreise am Freitagmorgen erneut nach oben, wobei WTI bereits das Hoch des Vortages überschritten hat. Auch auf dem deutschen Binnenmarkt zeichnet sich dadurch wieder Potenzial für steigende Preise ab.