Irans schwimmende Lager füllen sich
Ungewöhnliche, bearishe Trades
Verhandlungen festgefahren?
Die US-Seeblockade vor der iranischen Küste zeigt zunehmend Wirkung und setzt Teheran spürbar unter Druck. Daten von Schiffs-Tracking-Diensten belegen, dass die Menge an iranischem Öl, die auf Tankern zwischengelagert wird, deutlich gestiegen ist. Während am wichtigsten Exportterminal auf der Insel Kharg im Persischen Golf zuletzt kaum noch Tanker beladen wurden, verlagert sich die Aktivität zunehmend zum Hafen Chabahar außerhalb der Straße von Hormus. Dort sammeln sich inzwischen zahlreiche iranische Tanker, offenbar mit dem Ziel, die US-Blockade zu umgehen. Da der Hafen jedoch weiterhin innerhalb des von den USA kontrollierten Einflussbereichs liegt, dürfte auch von dort auslaufenden Schiffen die Weiterfahrt drohen. Die Entwicklung deutet deshalb eher darauf hin, dass dem Iran im Persischen Golf die verfügbaren Tankerkapazitäten ausgehen und das Land dringend zusätzliche Lagerflächen benötigt. Nach Angaben der Organisation United Against Nuclear Iran stieg die Zahl beladener iranischer Öltanker seit Beginn der Blockade Mitte April von 29 auf 49 Schiffe. Insgesamt lagern damit rund 42 Millionen Barrel Rohöl auf See.
Gleichzeitig verschärfen die USA den Druck weiter und beschlagnahmten im Indischen Ozean erneut einen Tanker mit Verbindungen zum Iran. Damit signalisiert Washington, dass es die Sanktionen konsequent durchsetzen will. Dennoch gelang es zuletzt zwei Tankern mit Lieferungen nach China, die Straße von Hormus zu passieren, was zeigt, dass die Blockade nicht vollständig dicht ist.
An den Ölbörsen sorgten derweil ungewöhnlich große, auf fallende Preise ausgerichtete Geschäfte für Aufmerksamkeit. Besonders auffällig war ein Put-Spread-Geschäft mit einem Volumen von 134 Millionen Barrel. Der Käufer dieser Option würde bei einem Rückgang des Brent-Ölpreises um 19 Prozent bis Monatsende einen Gewinn von rund 129 Millionen Dollar erzielen. Marktbeobachter rätseln über die Hintergründe des Trades. Möglich erscheinen Absicherungsgeschäfte im Zusammenhang mit Wetten auf unregulierten Plattformen wie Polymarket, wo unter anderem auf ein Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran spekuliert wird. Gleichzeitig schließen Händler auch Insidergeschäfte nicht aus. Weitere große Put-Spread-Positionen auf Brent-Kontrakte an der ICE und der NYMEX verstärkten den Eindruck, dass einige Marktteilnehmer kurzfristig mit deutlich fallenden Ölpreisen rechnen.
Bei den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran gibt es dagegen kaum erkennbare Fortschritte. US-Präsident Donald Trump erklärte zwar, der Krieg könne sehr schnell beendet werden, drohte dem Iran jedoch gleichzeitig mit weiteren militärischen Schlägen, falls Teheran den amerikanischen Forderungen nicht zustimme. Seine Aussagen über einen möglichen Zeitpunkt eines Angriffs blieben jedoch widersprüchlich und unkonkret, was darauf hindeutet, dass die US-Regierung selbst keinen klaren Plan für ein Scheitern der Gespräche besitzt. US-Vizepräsident J.D. Vance sprach zwar von gewissen Fortschritten bei den indirekten Gesprächen, blieb dabei aber ebenfalls vage. Medienberichten zufolge enthält der jüngste iranische Vorschlag kaum Veränderungen gegenüber früheren Positionen, die Trump bereits scharf zurückgewiesen hatte. Gleichzeitig warnte Irans Außenminister Abbas Aragchi vor „vielen Überraschungen“ im Falle eines erneuten US-Angriffs.
Insgesamt bleiben die Fronten zwischen Washington und Teheran verhärtet. Trumps Strategie aus Druck und Gesprächsangeboten scheint bislang wenig Wirkung auf die iranische Führung zu zeigen. An den Märkten führt die anhaltende Unsicherheit inzwischen zu einer gewissen Gewöhnung. Die Aussagen Trumps lösen immer weniger starke Reaktionen aus, während Händler die weitere Entwicklung abwarten. Analysten erwarten dennoch weiterhin hohe Ölpreise, da sowohl die Gefahr neuer US-Angriffe als auch mögliche längerfristige Lieferausfälle aus dem Nahen Osten bestehen bleiben. Experten von Fujitomi Securities und Citi warnen insbesondere davor, dass der Markt die Risiken einer länger andauernden Schließung der Straße von Hormus unterschätzt. Citi hält Brent-Preise von etwa 120 Dollar für möglich, solange die wichtige Schifffahrtsroute blockiert bleibt. Gleichzeitig sinken die globalen Ölbestände sowie strategische Reserven zunehmend, was die Nervosität zusätzlich erhöht.
Auch Vertreter der Energiebranche kritisieren die aus ihrer Sicht zu sorglose Haltung vieler Marktteilnehmer. Die Vorstandsvorsitzende von Woodside Energy Group betont, dass Märkte, Verbraucher und Gesellschaft die möglichen Folgen einer anhaltenden Blockade noch nicht vollständig verstanden hätten und weiterhin zu stark auf eine schnelle Normalisierung hofften. Zusätzlich zeigen aktuelle Daten des API deutlich sinkende US-Ölbestände, was den Druck auf die weltweiten Vorräte weiter erhöht.
Trotz der angespannten Lage bleibt die fundamentale Markteinschätzung insgesamt neutral, da sich an den grundlegenden Rahmenbedingungen bislang wenig verändert hat. Die Entwicklung des Ölmarktes hängt weiterhin fast vollständig von den Ereignissen rund um den Iran ab. Jede neue Eskalation oder Annäherung in den Verhandlungen kann die Preise kurzfristig stark in die eine oder andere Richtung bewegen. Gleichzeitig zeichnen sich bei den Inlandspreisen bereits moderate Preissteigerungen ab.