Grönlandstreit geht in Davos in die nächste Runde

USA beschlagnahmen weiteren Öltanker vor Venezuela
Das US-Militär hat am Dienstag einen weiteren Öltanker in der Nähe von Venezuela beschlagnahmt. Es ist der siebte seit Anfang Dezember und zeigt, dass der Druck der Trump-Administration auf Caracas nicht nachlässt. Der Frachter „Sagitta“ habe gegen die Beschränkungen Washingtons für sanktionierte Schiffe verstoßen, erklärte das US-Militärkommando.

„Die Beschlagnahme eines weiteren Tankers, der trotz der von Präsident Trump verhängten Sperre für sanktionierte Schiffe in der Karibik operierte, zeigt unsere Entschlossenheit, dafür zu sorgen, dass nur Öl, das ordnungsgemäß und rechtmäßig koordiniert wurde, Venezuela verlassen darf“, hieß es von US-Seite. Washington strebt seit der Absetzung des Machthabers Nicolas Maduros nach der vollständigen Kontrolle über Venezuelas Ölindustrie.

In diesem Zusammenhang plant die US-Regierung offenbar auch, neben den beiden Handelshäusern Vitol und Trafigura auch weiteren Öltradern den Kauf von venezolanischem Rohöl zu gestatten. Die noch ausstehende Genehmigung, die voraussichtlich eine allgemeine Lizenz zur Lockerung der bestehenden Sanktionen beinhalten wird, sieht allerdings vor, dass sämtliche Liefergeschäfte mit venezolanischem Öl über den US-Markt abgewickelt werden müssen.

EU ringt um Antworten – Kommt die Handels-Bazooka?
Im Vorfeld des heute erwarteten Besuchs Donald Trumps auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos ringen die EU-Staatsoberhäupter weiterhin um eine Antwort auf Washingtons Anspruch auf Grönland und die angedrohten Strafzölle. Der französische Präsident Emanuel Macron forderte eine entschlossenen Reaktion gegen die „endlose Abfolge neuer Zölle“.

Er betonte, es sei an der Zeit, dass die EU zum ersten Mal das Gesetz zur Abwehr wirtschaftlicher Nötigung, das Anti-Coercion Instrument (ACI), einsetzt– besser bekannt unter dem Namen Handels-Bazooka. Das ACI ermöglicht es Brüssel, verschiedene Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wenn ein Drittstaat Handelsbeschränkungen nutzt, um die EU oder einzelne Mitgliedstaaten zu einer bestimmten politischen Entscheidung zu drängen.

So könnte die EU im Rahmen des ACI Gegenzölle auf US-Importe erheben oder auch den Zugang zum europäischen Binnenmarkt einschränken. Ob sich jedoch alle EU-Länder auf eine solche Maßnahme einlassen wollen, also auch jene, die diesmal nicht von Trumps neuen Zolldrohungen betroffen sind, bleibt abzuwarten. Um das ACI zu aktivieren genügt im EU-Rat jedenfalls eine qualifizierte Mehrheit.

Der US-Finanzminister Scott Bessent hatten die EU im Vorfeld vor Vergeltungsmaßnahmen gewarnt und diese als „unklug“ bezeichnet. Er verwies auf den heute erwarteten Auftritt Trumps beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Im Zuge der Konferenz soll es heute Nachmittag auch ein hochkarätiges Treffen zwischen dem US-Präsidenten und Vertretern der EU geben. 

Marktlage
Die Ölpreise haben zur Wochenmitte wieder etwas nachgegeben, da die Anleger nicht nur auf die neuesten Entwicklungen in Sachen Grönland warten, sondern auch auf den heute erscheinenden IEA Monatsbericht. Hier dürfte wie immer die Angebotsentwicklung im Zentrum des Interesses stehen, ist der IEA-Report doch traditionell der bearishste der drei großen Monatsberichte.

Darüber hinaus stehen heute und morgen auch noch die US-Ölbestandsdaten an, die wegen des US-Feiertages am Montag (Martin Luther King Day) mit einem Tag Verspätung erscheinen. Den Anfang macht heute Abend das API um 22:30 Uhr, das DOE folgt morgen um 18:00 Uhr. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zufolge dürften die Rohölvorräte in der Berichtswoche um +1,7 Mio. Barrel gestiegen sein und würden damit einen bearishen Impuls an den Markt geben.

Angebotsausfälle in Kasachstan, die gestern noch bullish gewirkt hatten, treten darüber etwas in den Hintergrund, zumal die Unterbrechungen zeitlich begrenzt sind. „Der Produktions-Stopp ist vorübergehend, während der erwartete Lageraufbau in den USA und die geopolitischen Unsicherheiten anhalten dürften“, erklärt Tony Sycamore, Marktanalyst bei IG.

Zentrales Thema dürfte heute ohnehin der Grönlandstreit sein. US-Präsident Donald Trump wird voraussichtlich um 14:30 Uhr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sprechen. Im Vorfeld hat die US-Regierung angekündigt, Strafzölle von 10% gegen acht europäische Länder zu verhängen, die sich gegen den US-Anspruch auf Grönland ausgesprochen hatten. Die Drohung nährt Sorgen vor neuen Handelskonflikten, die das globale Wachstum dämpfen und damit auch die Energienachfrage belasten könnten.

Der Vorstoß Washingtons, die Kontrolle über die zu Dänemark gehörende Insel in der Arktis zu erlangen, hat zudem bei den Marktteilnehmer Zweifel an der Stabilität des transatlantischen Bündnisses geweckt und die Risikobereitschaft der Investoren geschwächt. Davon betroffen sind nicht nur die Finanzmärkte, sondern auch Rohstoffe wie Öl. Die Volatilität am Ölmarkt dürfte entsprechend hoch bleiben.

Grundsätzlich bleibt der längerfristige Ausblick ohnehin bearish, da die möglicherweise neu entfachten Zollstreits die schlechten Angebotsaussichten nicht besser machen. Mit konjunkturell bedingt geringer Nachfrage würde sich das erwartete Überangebot sogar noch verschärfen. In diesem Zusammenhang steht der neue Monatsbericht der IEA im Fokus der Anleger.

Im letzten Bericht hatte die Pariser Agentur eine Überversorgung von fast 4Mio. B/T vorhergesagt. An dieser Einschätzung dürfte sich auch in diesem Monat nicht viel verändert haben. „Für mindestens drei bis vier Jahre könnten wir aufgrund der enormen zusätzlichen Fördermengen aus den USA und einigen anderen Ländern anhaltenden Abwärtsdruck auf die Öl- und Gaspreise sehen“, erklärte IEA-Direktor Fatih Birol am Dienstag in Davos.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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