Goldman Sachs: Ölreserven schwinden in Rekordtempo
Am Mittwoch blieb die fundamentale Lage am Ölmarkt zunächst neutral, weil sich die angespannte Situation im Persischen Golf nicht verändert hatte. Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran kamen nicht voran, während die Blockade der Straße von Hormus weiterhin den Öltransport behinderte. Dadurch dominierten Unsicherheit und Zurückhaltung das Marktgeschehen. Gleichzeitig lieferten die API-Bestandsdaten jedoch klare bullishe Signale, da sie starke Rückgänge der US-Ölbestände prognostizierten. Charttechnisch ergab sich zunächst kein eindeutiges Bild, obwohl der Stochastik-Indikator bei Rohöl erste Verkaufssignale andeutete. Die Kurse bewegten sich zunächst nur innerhalb enger Grenzen, die durch das obere Bollingerband und wichtige gleitende Durchschnitte vorgegeben wurden.
Im Verlauf des Vormittags verstärkte sich jedoch der Abwärtsdruck auf die Ölfutures. Erste vorsichtige Verkäufe entwickelten sich bis zur Tagesmitte zu deutlicheren Gewinnmitnahmen. Trotz der weiterhin angespannten Lage im Nahen Osten reagierten die Anleger überraschend gelassen. Unterstützt wurde diese Stimmung vermutlich durch Meldungen über eine teilweise Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus sowie die Freigabe weiterer Öltanker in Richtung China und Indien. Selbst bullishe Nachrichten, etwa die rückläufigen saudischen Exporte laut JODI-Daten, konnten den Verkaufsdruck an den Terminbörsen ICE und NYMEX nicht aufhalten. Die Notierungen testeten wiederholt wichtige Unterstützungen, insbesondere die GD-21-Linie. Auch die klar bullish interpretierten DOE-Bestandsdaten, die erneut auf eine Angebotsknappheit hinwiesen, verhinderten keinen weiteren Preisrückgang. Fast alle Ölfutures unterschritten schließlich ihre technischen Unterstützungen. Entsprechend verzeichnete auch der deutsche Heizölmarkt deutliche Preisnachlässe, die sich bis in die Abendstunden weiter verstärkten.
Gleichzeitig verschärfte sich die fundamentale Lage auf globaler Ebene deutlich. Goldman Sachs berichtete, dass die weltweiten Lagerbestände an Rohöl und Ölprodukten im Mai so schnell schrumpften wie noch nie zuvor. Nach Schätzungen der Bank gingen die sichtbaren Bestände täglich um rund 8,7 Millionen Barrel zurück – fast doppelt so stark wie vor Beginn des Iran-Krieges. Ursache dafür sei vor allem die massive Einschränkung der Öltransporte durch die Straße von Hormus, deren Durchfluss weiterhin nur etwa fünf Prozent des normalen Niveaus erreiche. Der Krieg habe die globalen Energiemärkte schwer erschüttert und einen historischen Versorgungsschock ausgelöst.
Auch die Internationale Energieagentur (IEA) warnte vor einem beschleunigten Abbau der kommerziellen Ölreserven. Selbst bei einem baldigen Ende des Konflikts erwartet die Behörde bis mindestens Oktober eine deutliche Unterversorgung des Marktes. Bereits zu Kriegsbeginn hatten die IEA-Mitgliedstaaten gemeinsam 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben, was den aktuellen Rückgang der Lagerbestände zusätzlich verstärkt.
Goldman Sachs zufolge entfielen rund zwei Drittel des Lagerabbaus auf sinkende Ölmengen auf See. Die Exporte gingen stärker zurück als die Importe. Besonders problematisch entwickelte sich die Nachfrage in Europa, wo die Einfuhren von Flugtreibstoff inzwischen 60 Prozent unter dem Durchschnitt des Jahres 2025 lagen. Dennoch blieben die weltweiten Lagerbestände im Jahresvergleich bislang relativ stabil, weil viele Länder vor dem Krieg erhebliche Reserven aufgebaut hatten.
Die Marktteilnehmer konzentrierten sich weiterhin stark auf politische Schlagzeilen rund um die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran. Obwohl die Ölpreise seit Kriegsbeginn bereits um mehr als 40 Prozent gestiegen waren, hofften viele Händler weiterhin auf eine diplomatische Lösung und eine Wiederöffnung der Straße von Hormus. US-Präsident Donald Trump erklärte am Mittwoch, die Gespräche mit dem Iran befänden sich in einer entscheidenden Phase. Gleichzeitig drohte er erneut mit militärischen Maßnahmen, falls Teheran die amerikanischen Bedingungen ablehnen sollte.
Analysten der ING betonten, dass der Ölmarkt derzeit extrem empfindlich auf Nachrichten aus dem Nahen Osten reagiere. Zwar setzten viele Marktteilnehmer auf Fortschritte in den Verhandlungen, doch ähnliche Hoffnungen seien in der Vergangenheit mehrfach enttäuscht worden. ING prognostiziert für das laufende Quartal einen durchschnittlichen Brent-Preis von 104 Dollar pro Barrel.
Auch Experten anderer Banken warnten vor anhaltenden Problemen auf den physischen Märkten. Joe DeLaura von der Rabobank verwies darauf, dass Öltransporte aus dem Persischen Golf inzwischen bis zu 55 Tage benötigten, wodurch die globalen Lagerbestände weiter sinken würden. Zahlreiche Länder griffen deshalb verstärkt auf kommerzielle und strategische Reserven zurück, um Lieferausfälle auszugleichen. Dies verstärkte die Sorge vor einer Erschöpfung der Vorräte.
Der Chefanalyst von China Futures, Mingyu Gao, erwartet ebenfalls weiter sinkende Lagerbestände. Solange die Straße von Hormus blockiert bleibe, dürften die weltweiten Vorräte an Raffinerieprodukten und Rohöl bis Ende Mai beziehungsweise Ende Juni auf die niedrigsten saisonalen Werte der vergangenen fünf Jahre fallen. Aufgrund dieser sich verschärfenden Angebotslage bewerteten viele Analysten die mittelfristige fundamentale Situation zunehmend bullish. Entsprechend wurde die Markteinschätzung von neutral auf leicht bullish angehoben. Sollte allerdings tatsächlich ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran zustande kommen und die Straße von Hormus wieder geöffnet werden, könnte die fundamentale Lage schnell ins Bearishe kippen.
Für die Inlandspreise bedeutete die Entwicklung zunächst weitere Preisnachlässe, da die deutlichen Rückgänge vom Vortag noch nachwirkten.