Zoll-Karussell geht in die nächste Runde

USA/Iran: Atomgespräche sollen am Donnerstag weiter gehen
Die USA und der Iran wollen am Donnerstag ihre Atomgespräche in Genf wieder aufnehmen, wie der omanische Außenminister am Wochenende auf X erklärte. Irans Außenminister Abbas Araghtschi zeigte sich offen für eine diplomatische Lösung, sagte aber auch, dass sich Teheran durch einen militärischen Aufmarsch der USA nicht unter Druck setzen lasse.

Aus Insiderkreisen hieß es, Teheran sei in Sachen Atomprogramm zu Zugeständnissen bereit. Im Gegenzug müssten aber die bestehenden Sanktionen aufgehoben und Irans grundsätzliches Recht auf Urananreicherung anerkannt werden. Die USA fordern hingegen einen kompletten Stopp des iranischen Atomprogramms und ein Ende jeglicher Urananreicherung. Die Wahrscheinlichkeit, dass es also am Donnerstag tatsächlich zu einer Einigung oder zumindest zu einer deutlichen Annäherung kommt, bleibt somit gering.

Nach Gerichtsurteil: Trump-Regierung kämpft um Strafzölle
Schon kurz nachdem der Oberste Gerichtshof am Freitag die Strafzölle der US-Regierung gekippt hatte, meldete sich Donald Trump zu Wort und kündigte „großartige Alternativen“ an, mit denen man am Ende doch noch „Geld einnehmen“ werde. Am Wochenende verhängte er nun unter Berufung auf ein Handelsgesetz von 1974 neue Zölle in Höhe von 15%.

Dies sei das "vollständig zulässige und rechtlich geprüfte Niveau", ließ der Präsident verlauten. Tatsächlich erlaubt das Gesetz eine Anhebung der Importzölle in dieser Größenordnung, allerdings nur für maximal 150 Tage, danach ist eine Zustimmung des US-Kongress nötig. Und das ist nicht das einzige Problem der US-Regierung, denn nach dem Gerichtsurteil fordern schon jetzt zahlreiche Unternehmen und mehrere Bundesstaaten die zu Unrecht gezahlten Zölle zurück.

Und auch auf internationaler Bühne wird die Kritik an Trumps Zoll-Gebaren wieder lauter. So bezeichnete China die US-Zölle erneut als Verstoß gegen internationale Handelsregeln und kündigte an, das US-Gerichtsurteil prüfen zu wollen. Aus der EU hieß es, die Situation sei „nicht förderlich für einen fairen, ausgewogenen und für beide Seiten vorteilhaften‘ transatlantischen Handel und Investitionen, wie er von beiden Seiten in der gemeinsamen Erklärung zum letztjährigen Handelsabkommen vereinbart wurde.“

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, warnte am Sonntag vor konjunkturellen Beeinträchtigungen durch die neuerlichen Umwälzungen in der US-Handelspolitik. Sie hoffe, dass alle neuen Zollpläne „ausreichend durchdacht“ seien, damit die Unternehmen wüssten, was sie erwarte. Lagarde verwies damit auf die erhöhte Unsicherheit, die mit den neuen Zoll-Verwerfungen an den internationalen Märkten Einzug hält. Auch an den Ölbörsen nimmt der Verkaufsdruck damit wieder etwas zu, da die Wirtschaftsentwicklung unmittelbar mit der Ölnachfrage zusammenhängt.

Marktlage
Zum Start in die neue Woche geben die Notierungen an ICE und NYMEX ein gutes Stück nach. Während die in dieser Woche geplanten Gespräche zwischen Teheran und Washington die Risikoprämie etwas verringern, sorgen Donald Trumps neue Zoll-Eskapaden für Verunsicherung und Preisdruck.

Dabei bleiben die Spannungen am Persischen Golf hoch, denn von einer Einigung kann wohl noch lange nicht die Rede sein. Zwar zeigte sich der iranische Außenminister am Wochenende zuversichtlich, dass eine diplomatische Lösung greifbar sei, doch bleiben die Positionen in zentralen Fragen (etwa bei der grundsätzlichen Erlaubnis, Uran anreichern zu dürfen) komplett entgegengesetzt.

Entsprechend bleibt die militärische Drohkulisse aufrecht und die Gefahr eines Militärschlages, mit dem die Trump-Administration in den letzten Woche nimmer wieder gedroht hatte, durchaus im Rahmen des Möglichen. „Brent enthält mindestens 10 Dollar Iran-Risikoprämie“, kommentiert Vandana Hari von Vanda Insights die aktuelle Preisentwicklung. „Solange die Drohung möglicher US-Schläge über den diplomatischen Bemühungen schwebt und die in der Region stationierte US-Marinepräsenz als ständige Mahnung wirkt, ist ein deutlicher Preisrückgang schwer vorstellbar“, so die Expertin.

Und auch Haris Khurshid von Karobaar Capital betont die Verwundbarkeit des Marktes. So lange es nur bei Schlagzeilen bleibe, könne der Markt diese verkraften, anders sehe es jedoch bei realen Angebotsausfällen aus. Sollten iranische Exporte beeinträchtigt werden oder es zu glaubwürdigen Störungen in der Straße von Hormus kommen, könne Rohöl rasch wieder teurer werden, vermutet der Analyst.

Durch die Straße von Hormus, eine strategisch bedeutende Meerenge zwischen dem Iran und der Arabischen Halbinsel, werden täglich etwa ein Fünftel desweltweiten Ölbedarfs transportiert. Fast alle Produzenten am Persischen Golf sind auf die Wasserstraße angewiesen, so dass schon eine teilweise Störung des Verkehrs – ohne vollständige Blockade – erhebliche Auswirkungen auf die globalen Ölmärkte haben könnte.

Die US-Investmentbank Goldman Sachs geht unterdessen davon aus, dass der Ölmarkt 2026 im Überschuss bleiben wird – vorausgesetzt, es kommt nicht zu längerfristigen Iran-bedingten Lieferausfällen. Zugleich hob die Bank ihre Preisprognosen für Brent und WTI im vierten Quartal 2026 um jeweils 6 Dollar auf 60 beziehungsweise 56 Dollar je Barrel an. Begründet wurde dies mit niedrigeren Lagerbeständen in den OECD-Staaten.

Trotz der geopolitischen Risiken hat sich der sogenannte Time-Spread bei Brent, also die Differenz zwischen dem Frontmonatskontrakt und dem Folgemonat, zuletzt verengt. Am Montag lag sie bei 0,42 Dollar pro Barrel, nachdem sie Ende Januar noch über 1,00 Dollar notiert hatte. Die Terminstruktur befindet sich jedoch auch weiterhin in einer als bullish interpretierten Backwardation.

Zusätzlicher Druck auf die Preise kommt heute von der Zollpolitik aus Washington. Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA die Zoll-Erlässe der Regierung aus dem letzten Jahr gekippt hatte, erklärte Präsident Trump am Wochenende neue Strafzölle in Höhe von 15% und berief sich dabei auf ein Gesetz aus den 70ern, dass ihm ein solches Vorgehen zumindest temporär erlaubt.

Das Hin und Her verunsichert Anleger und Marktteilnehmer weltweit, da die Verwerfungen im internationalen Handel, die durch Trumps Zoll-Eskapaden ausgelöst werden, die Konjunkturentwicklung belasten. Tony Sycamore, Analyst bei IG Markets, stellt fest, dass die jüngsten Zollnachrichten zu einer erhöhten Risikoaversion geführt hätten, die sich unter anderem in steigenden Goldpreisen und schwächeren US-Aktienfutures widerspiegelten. Dies belaste derzeit auch die Rohölpreise.

In den USA macht man sich unterdessen auf den nächsten Wintersturm bereit. Dieser dürfte diesmal aber vor allem die Ostküste betreffen, so dass sich die Auswirkungen auf die Ölförderung und die Raffinerietätigkeit, die eher im Süden und Mittleren Westen angesiedelt ist, gering bleiben dürfte. Stattdessen kann mit einem Anstieg der Nachfrage nach Mitteldestillaten wie Heizöl und Dieselgerechnet werden, der sich in den kommenden Wochen in den US-Bestandsdatenniederschlagen dürfte.

Die fundamentale Einschätzung am Ölmarkt fällt aus unserer Sicht heute leicht bearish aus, da eine Eskalation im Nahen Osten bisher aber ausblieb und die Unsicherheit aufgrund der neuen Zoll-Verwerfungen gestiegen sind. Damit setzen sich auch die Preisnachlässe im Inland fort, so dass im Vergleich zu Freitagvormittag klare Abschläge erkennbar sind.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

Die Lienert + Ehrler AG übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit und Richtigkeit der auf dieser Seite publizierten Informationen.