
Der aktuelle Bericht zu den US-Ölbeständen zeichnet ein gemischtes Bild der Versorgungslage. Für die Woche zum 19. Juni erwarteten Analysten einen deutlichen Rückgang der Rohöl-, Benzin- und Destillatvorräte in den USA. Die vom American Petroleum Institute (API) veröffentlichten Schätzungen bestätigen jedoch lediglich einen weiteren Abbau der Rohölbestände, während die Vorräte an Benzin und Destillaten laut API sogar zunahmen. Der Rückgang der Rohölreserven fiel mit 0,8 Millionen Barrel deutlich geringer aus als von Analysten prognostiziert, die einen Abbau von 4,1 Millionen Barrel erwartet hatten. Sollte das US-Energieministerium (DOE) diese Entwicklung bestätigen, wäre es bereits die neunte Woche in Folge mit sinkenden Rohölvorräten. Besonders aufmerksam verfolgen Marktteilnehmer die Lage im wichtigen Lagerstandort Cushing in Oklahoma, wo die Bestände laut API um weitere 1,0 Millionen Barrel zurückgingen. Da die Vorräte dort bereits nahe dem operativen Minimum liegen, verschärft jeder weitere Rückgang die Herausforderungen für den Lagerbetrieb.
Die gegensätzlichen Einschätzungen von Analysten und API betreffen vor allem die Kraftstoffbestände. Während Analysten bei Benzin und Destillaten Rückgänge erwarteten, meldete das API Aufbauten von 1,2 beziehungsweise 1,4 Millionen Barrel. Als Ursache kommt insbesondere die weiterhin hohe Raffinerieauslastung infrage, die zuletzt auf einem hohen Niveau verharrte. Zudem könnten die gestiegenen Kraftstoffvorräte auf eine schwächere Nachfrage hindeuten. Verlässliche Angaben zur Nachfrageentwicklung, zur Raffinerieauslastung und zur Rohölproduktion werden allerdings erst mit den offiziellen DOE-Daten veröffentlicht.
Aus Marktsicht wirken die Erwartungen der Analysten klar preisstützend, da sinkende Lagerbestände auf eine knapper werdende Versorgung hindeuten. Die API-Daten erscheinen dagegen insgesamt eher neutral bis leicht preisbelastend, weil die Aufbauten bei Benzin und Destillaten den vergleichsweise geringen Rückgang der Rohölvorräte relativieren. Eine Ausnahme bildet jedoch die Entwicklung in Cushing: Die dort weiter schrumpfenden Bestände gelten als bullishes Signal, da sie die Verfügbarkeit von Rohöl am wichtigsten US-Lagerstandort zusätzlich einschränken.
Parallel dazu normalisieren sich die internationalen Ölmärkte nach den geopolitischen Spannungen rund um den Konflikt zwischen den USA und dem Iran schrittweise. Die Rohölpreise haben sich bereits wieder deutlich den Niveaus angenähert, die vor Ausbruch der Krise herrschten, liegen jedoch weiterhin über den Settlementpreisen vom 27. Februar. Nach Einschätzung des Ökonomen Gregory Daco von EY-Parthenon wird die Normalisierung der Energiemärkte nur langsam verlaufen, sodass die Ölpreise voraussichtlich bis zum Jahresende über dem Vorkrisenniveau bleiben werden.
Zwar ist die strategisch bedeutende Straße von Hormus nach einer vorläufigen Einigung zwischen den USA und dem Iran wieder geöffnet, und die Zahl der durchfahrenden Schiffe steigt wieder an, doch bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten. Die Regierungen in Washington und Teheran senden widersprüchliche Signale sowohl hinsichtlich der zukünftigen Schifffahrtsregelungen als auch bezüglich des iranischen Atomprogramms. US-Präsident Donald Trump erklärte, der Iran habe umfassenden Inspektionen seiner Atomanlagen zugestimmt. Vertreter des iranischen Außenministeriums widersprachen dieser Darstellung jedoch und betonten, dass keine entsprechenden Inspektionen durch die Internationale Atomenergiebehörde geplant seien. Auch über die Regulierung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus herrscht Uneinigkeit. Während Iran und Oman weitere Gespräche vereinbarten, stellte US-Außenminister Marco Rubio klar, dass mögliche iranische Transitgebühren gegen internationales Recht verstoßen würden.
Vor diesem Hintergrund hoffen die Marktteilnehmer auf eine dauerhafte Offenhaltung der Meerenge und eine diplomatische Lösung der offenen Streitfragen, um eine erneute Eskalation zu vermeiden. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung der US-Ölbestände ein wichtiger Einflussfaktor. Obwohl sich die Verknappung der Rohölversorgung in den USA fortsetzt, hat sich das Tempo der Bestandsabbauten zuletzt abgeschwächt. Die kritische Situation in Cushing bleibt jedoch ein zentrales Risiko für den Markt. Sollte das DOE die dortigen weiteren Rückgänge bestätigen, könnte dies den Rohölpreisen neue Aufwärtsimpulse verleihen.
Am aktuellen Handelstag standen die Ölpreise zunächst unter Druck. Sowohl Brent als auch WTI fielen zeitweise unter ihre Vortagestiefs, konnten sich anschließend jedoch leicht erholen. Der europäische Gasoil-Kontrakt notierte dagegen nahe seines jüngsten Hochs, nachdem Berichte aufgekommen waren, Russland erwäge ein vollständiges Exportverbot für Diesel. Dadurch besteht auch bei den Inlandspreisen weiterhin Potenzial für Preisaufschläge. Insgesamt bleibt der Ölmarkt von einem Spannungsfeld zwischen nachlassenden geopolitischen Risiken, einer weiterhin knappen Rohölversorgung in den USA und Unsicherheiten über die zukünftige Entwicklung des internationalen Energiehandels geprägt.