Rohöl mit neuen Langzeithochs – Iran, EU-Sanktionen und Zollpolitik verunsichern

Neues EU-Sanktionspaket gescheitert
Eigentlich hatte die EU kurz vor dem vierten Jahrestag der russischen Invasion in der Ukraine mit einem neuen Sanktionspaket ein Zeichen setzen wollen. Doch dieses ist nun am Widerstand von Ungarn und der Slowakei gescheitert. Beide Länder beharren auf die Notwendigkeit, russisches Öl einführen zu dürfen und werfen Kiew vor, den Durchlauf der Druschba-Pipeline ohne Not zu blockieren.

Schon im Januar war es zu einem Ausfall der teilweise durch die Ukraine laufenden Ölpipeline gekommen, nach Angaben Kiews wegen eines russischen Raketenangriffes. Ungarn und die Slowakei, die auf die Öllieferungen durch die Pipeline angewiesen sind, werfen der Ukraine vor, die Versorgung aus politischen Gründen absichtlich unterbrochen zu haben. Diesen Vorwurf wiederholte Ungarns Außenminister Peter Szijjarto gestern in Brüssel.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas zeigte Unverständnis für Ungarns Position. "Wir sollten Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, nicht miteinander verknüpfen", sagte sie. Es sei ein Rückschlag und "nicht die Botschaft, die wir senden wollten". Sie beteuerte allerdings, dass die Arbeit an den Sanktionen fortgesetzt werde. Diese sollten auch neue, deutlich strengere Maßnahmen gegen Russlands Schattenflotte und Ölindustrie enthalten.

USA/Iran: Trump hält Drohkulisse aufrecht
Donald Trump hat Berichte zurückgewiesen, wonach das US-Verteidigungsministerium Bedenken hinsichtlich einer möglichen längeren Militärkampagne gegen den Iran geäußert habe. Zugleich bekräftigte der US-Präsident am Montag, dass er weiterhin eine diplomatische Einigung bevorzuge.

„Alles, was über einen möglichen Krieg mit dem Iran geschrieben wurde, ist falsch und wurde absichtlich so dargestellt“, erklärte Trump in einem Beitrag in den sozialen Medien. „Ich treffe die Entscheidung. Ich würde lieber eine Einigung erzielen als keine. Aber wenn wir keine Einigung erreichen, wird es ein sehr schlechter Tag für dieses Land und leider auch für seine Menschen.“

Unterdessen blieben die Spannungen in der Region am Montag hoch. Das US-Außenministerium ordnete die Evakuierung von nicht zwingend benötigtem Personal aus der US-Botschaft in Beirut an. Bei den Marktteilnehmern erhöht das die Erwartungen, dass die USA trotz einer weiteren Runde diplomatischer Gespräche in dieser Woche Luftangriffe auf den Iran anordnen könnten. Die Risikoprämie an den Ölbörsen ist damit wieder leicht gestiegen.

Marktlage
Nachdem Brent und WTI gestern neue 8-Monatshochs markiert hatten, bleiben die Ölfutures auch heute auf hohem Niveau. Die Marktteilnehmer bewerten dabei weiterhin die geopolitischen Risiken im Vorfeld einer weiteren Runde von Atomgesprächen zwischen den USA und dem Iran, während zugleich Unsicherheiten in der US-Handelspolitik die allgemeinen Sorgen verstärken.

„Derzeit treiben eindeutig geopolitische Faktoren die Ölpreise an, wobei das aktuelle hohe Niveau eher auf Erwartungen als auf tatsächliche Lieferausfälle zurückzuführen ist“, erklärt Priyanka Sachdeva, Marktanalystin bei PhillipNova. „Das Risiko einer möglichen militärischen Eskalation im Nahen Osten gewinnt an Bedeutung, weshalb sich Händler offenbar gegen Worst-Case-Szenarien absichern.“

Die Verhandlungen über ein Atomabkommen sollen am Donnerstag in Genf wiederaufgenommen werden. Erwartet wird, dass Trumps Sondergesandter Steve Witkoff sowie sein Schwiegersohn Jared Kushner erneut indirekt mit dem iranischen Außenminister Abbas Araghchi konferieren.

Befürchtungen über die möglichen Folgen eines US-Angriffs auf den Iran haben die Ölfutures in diesem Jahr - trotz der Erwartungen eines weltweiten Überangebots – nach oben getrieben. Die USA haben ihre Militärpräsenz im Nahen Osten zuletzt massiv verstärkt. Zudem ordnete das Außenministerium am Montag die Evakuierung nicht zwingend benötigter Mitarbeiter der US-Botschaft in Beirut an und verstärkte damit die Angst vor einem bevorstehenden Angriff.

„Die Ölmärkte verharren in einer Wartestellung, bis es neue Entwicklungen in der Iran-Frage gibt, wobei mögliche deeskalierende Signale mit einer gesunden Portion Skepsis betrachtet werden“, kommentiert Saul Kavonic, Energieanalystbei MST Marquee. Der militärische Aufbau der USA habe einen Risikoaufschlag von rund 10 Dollar pro Barrel auf die Preise verursacht, so Kavonic.

Gedanken über die Preisentwicklung macht sich auch Ölmarktstratege Tony Sycamore von der IG. Er sieht Rohöl weiterhin in der durchschnittlichen Handelsspanne von 55 Dollar bis 66,50 Dollar, die schon die letzten 6 Monategeprägt habe. „Ein nachhaltiger Ausbruch über diese Marke würde den Weg für weitere Anstiege in Richtung 70 bis 72 Dollar ebnen. Anzeichen einer Deeskalation hingegen dürften eine Korrektur in Richtung 61 Dollar nach sich ziehen“, so Sycamore.

In Sachen Handelspolitik herrscht unterdessen weiter Verunsicherung. US-Präsident Trump warnte am Montag davor, die zuletzt ausgehandelte Handelsabkommen mit den USA infrage zu stellen, nachdem der Oberste Gerichtshofs Notfallzölle gekippt hatte. Er werde sonst mit noch höheren Zöllen reagieren. Zuvor hatte der EU-Parlament die Umsetzung des Zollabkommens mit den USA auf Eis gelegt.

„US-Präsident Donald Trump hat mit einer neuen Runde von Zollerhöhungen Unsicherheit für das globale Wachstum und die Kraftstoffnachfrage geschaffen“, heißt es von den Analysten der UOB Bank. Da die konjunkturelle Entwicklung eng mit dem Bedarf nach Öl verknüpft ist, belasten die jüngsten Zoll-Verwerfungen die Ölpreisentwicklung auf lange Sicht. Kurzfristig verhindert aber auch hier die erhöhte Unsicherheit am Markt stärkere Abwärtsbewegungen.

Entsprechend fällt die fundamentale Einschätzung heute neutral aus, da die meisten Marktfaktoren keine klare Aussage darüber zulassen, in welche Richtung sie sich entwickeln werden. Um sich gegen mögliche geopolitische Überraschungen abzusichern, bleibt die Risikoprämie allerdings hoch, so dass auch bei den Inlandspreisen im Vergleich zu gestern mit Aufschlägen gerechnet werden muss.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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