*Korrektur* Ölbörsen bislang unbeeindruckt von Washingtons "Operation wirtschaftlicher Außenseiter"

Die Ausgangslage an den Ölmärkten war zu Beginn der neuen Handelswoche zunächst neutral, da die Marktteilnehmer auf die angekündigten US-Maßnahmen zur wirtschaftlichen Isolierung Irans warteten. Gleichzeitig sorgten geopolitische Entwicklungen für gegenläufige Impulse: In Russland wurde erneut eine wichtige Raffinerie von ukrainischen Drohnen angegriffen, während Saudi-Arabien offenbar einen Teil seiner Ölexporte über alternative Routen abwickeln konnte. Aus technischer Sicht zeigte sich das Marktbild am Montagmorgen dagegen klar bearish. Die Stochastik lieferte bei allen betrachteten Kontrakten Verkaufssignale, während auch der RSI bei Brent und den US-Mitteldestillaten auf fallende Preise hindeutete. Die ersten Abwärtsbewegungen wurden zunächst durch die GD 7 begrenzt. Unterstützung erhielten die Rohölpreise zudem von erneuten iranischen Drohungen für den Fall verschärfter US-Sanktionen. Im weiteren Tagesverlauf unterschritt Gasoil die GD 7, während WTI diese Unterstützung erneut testete und Brent noch Abstand zu ihr hielt. Am frühen Nachmittag erholten sich die Kontrakte vorübergehend, wobei Brent und WTI von der Nachricht über einen zeitweisen Betriebsstopp an einer Förderanlage in Guyana profitierten. Im frühen US-Handel setzte sich jedoch wieder die Abwärtsbewegung durch, die zusätzlich von technischen Faktoren verstärkt wurde. Belastend wirkte außerdem die Aussicht, dass der russische Staat künftig den Schutz wichtiger Ölraffinerien vor ukrainischen Drohnenangriffen übernehmen könnte. Am Ende des Tages schlossen sämtliche Ölfutures im Minus. Daraus ergab sich auch für die Inlandspreise rechnerisches Potenzial für Abschläge, auf das der RPI Regio-Preis-Index frühzeitig hingewiesen hatte.

Am Montagabend konkretisierte das US-Finanzministerium die bereits angekündigten Maßnahmen gegen den Iran unter dem Titel „Operation wirtschaftlicher Außenseiter“. Die USA wollen damit die finanziellen Einnahmequellen des Iran systematisch weiter einschränken und die wirtschaftliche Isolation des Landes verschärfen. Die neuen Regelungen erweitern unter anderem die Möglichkeiten für Sekundärsanktionen gegen Personen und Unternehmen mit Iran-Bezug in Bereichen wie digitale Vermögenswerte, Technologie, Gold sowie Luft- und Schifffahrt. Zusätzlich setzte das Finanzministerium 60 weitere Organisationen, Einzelpersonen und Schiffe auf die Sanktionsliste. Darunter befinden sich auch fünf Unternehmen mit Verbindungen zum iranischen Ölsektor und fünf Tanker der iranischen Schattenflotte. Mehrere chinesische Unternehmen wurden ebenfalls sanktioniert, während chinesische Finanzinstitute, denen eine Unterstützung des iranischen Ölhandels vorgeworfen wird, zunächst verschont blieben. Ob diese ebenfalls ins Visier der USA geraten, bleibt offen und könnte insbesondere im Zusammenhang mit dem für September geplanten Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in den USA relevant werden. China bleibt der wichtigste Abnehmer iranischen Öls und setzt weiterhin auf eine diplomatische Lösung des Konflikts zwischen Washington und Teheran.

Die betroffenen Länder erhalten einen zeitlich begrenzten Rahmen, um ihre Geschäfte mit dem Iran einzustellen. Konkrete Staaten wurden dabei nicht genannt. Wer die Vorgaben nicht erfüllt, muss mit einem Ausschluss vom US-Finanzsystem rechnen. US-Finanzminister Bessent bezeichnete die Maßnahmen deshalb eher als Warnschuss denn als unmittelbaren wirtschaftlichen Bruch. Entsprechend verhalten fiel die Reaktion der Ölmärkte aus. Brent und WTI gaben am Montag zwar nach, notierten am Dienstagmorgen jedoch wieder nahe ihren Montag-Settlementniveaus. Marktteilnehmer bewerten die neuen Sanktionen bislang nicht als ausreichend, um das physische Angebot iranischen Öls unmittelbar deutlich zu reduzieren. Solange die USA den Zugang zu iranischem Rohöl, dessen Transport oder Finanzierung nicht wesentlich einschränken, sehen Händler offenbar nur begrenzten Anlass für einen zusätzlichen geopolitischen Risikoaufschlag. Die Maßnahmen gelten daher eher als Signal für eine künftig härtere US-Politik gegenüber dem Iran als als unmittelbarer Schock für die weltweite Ölversorgung.

Das größere kurzfristige Risiko liegt nach Einschätzung der Marktteilnehmer vielmehr in einer möglichen militärischen Reaktion des Iran. Vertreter der iranischen Regierung hatten bereits damit gedroht, US-Anlagen und insbesondere Energieinfrastruktur in den Golfstaaten anzugreifen. Gleichzeitig hält Irans Präsident Masud Peseschkian an der Möglichkeit einer diplomatischen Lösung fest. Die ohnehin angespannte Sicherheitslage in der Region verschärfte sich durch weitere Zwischenfälle. In der Nähe der Straße von Hormus wurde ein Öltanker nach Angaben der britischen Behörde UKMTO von einem Geschoss getroffen und manövrierunfähig gemacht. Da es dort bereits in den vergangenen Wochen wiederholt zu Angriffen auf Schiffe gekommen war, lässt sich der Vorfall allerdings nicht eindeutig als Reaktion auf die neuen US-Sanktionen einordnen. Zudem wurde im Roten Meer ein saudischer Supertanker offenbar von den Huthi angegriffen. Die Miliz stellte den Angriff angeblich als Vergeltung für eine saudische Militäroperation gegen von ihr kontrollierte jemenitische Häfen dar.

Für die weitere Entwicklung der Ölpreise stehen nun vor allem die US-Lagerbestandsdaten im Mittelpunkt. Das American Petroleum Institute veröffentlicht seine wöchentlichen Schätzungen am Dienstagabend, während die offiziellen Daten des US-Energieministeriums am Mittwoch folgen. Diese liefern zusätzlich Informationen zur Nachfrage, zur Raffinerieauslastung und zur US-Rohölproduktion und können damit neue Impulse für die Futures geben. Insgesamt bleibt die Marktstimmung damit vorerst verhalten bearish: Die verschärften Iran-Sanktionen haben bislang keinen starken Risikoaufschlag ausgelöst, während technische Verkaufssignale und die Aussicht auf eine bessere Absicherung russischer Raffinerien den Preisdruck verstärken. Gleichzeitig begrenzen die geopolitischen Risiken im Nahen Osten, insbesondere mögliche Angriffe auf Energieanlagen und die unsichere Lage rund um die Straße von Hormus, das Abwärtspotenzial. Da Gasoil derzeit leicht unter dem Vortagestief notiert, zeichnet sich auch bei den Inlandspreisen weiterhin rechnerisches Potenzial für Preisabschläge ab.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

Die Lienert + Ehrler AG übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit und Richtigkeit der auf dieser Seite publizierten Informationen.