Wintereinbruch auf der Nordhalbkugel verdrängt andere Marktfaktoren

US-Kältewelle: Ausfälle an Raffinerien und in derErdgasversorgung
Die Kältewelle in den USA hält an und hat sich inzwischen zu einem massiven Wintersturm entwickelt, der wohl noch mehrere Tage anhalten dürfte. In mindestens 20 Bundesstaaten wurde der Notstand ausgerufen, am Sonntag waren Hunderttausende Haushalte ohne Strom. Auch die US-Öl- und Gasindustrie bekommt die Auswirkungen der extremen Wetterverhältnisse zu spüren.  

Vor allem an der Golfküste, wo sich rund die Hälfte der gesamten US-Raffineriekapazität ballt, sorgt das Winterwetter für Ausfälle. Für die Region sind Wintereinbrüche dieser Art unüblich, weshalb die Anlagen oft nicht adäquat ausgerüstet sind. So teilte etwa die Exxon Mobil mit, dass man erste Anlagen im Raffineriekomplex in Baytown, nahe Houston (Texas), herunterfahren müsse. Aktuell ist allerdings noch unklar, ob und wenn ja wieviel der Verarbeitungskapazität von knapp 565.000 B/T betroffen ist.

Goodyear Bayport schaltete am Samstag wetterbedingt seine petrochemischen Anlagen im texanischen Pasadena ab, Celanese fuhr den Betrieb seiner Chemieanlage im Raum Houston herunter. Aktuell konzentriert sich ein Großteil der Störungen allerdings noch auf den Gassektor, da aufgrund des Kälteeinbruchs geschätzt etwa 10% der US-amerikanischen Erdgasproduktion offline sind. Hier sorgen unter anderem eingefrorene Pipelines für Probleme, während die Nachfrage nach dem Brennstoff – ebenfalls kältebedingt – natürlich deutlich gestiegen ist.

Die Ausfälle und Probleme in den USA wirken an den Börsen eher preisstützend, zumal mit dem kalten Wetter auch die Nachfrage nach Heizenergie steigen dürfte. Allerdings ist den Anlegern an den Ölbörsen auch klar, dass es sich um kurzfristige Ausfälle handelt, die mit einer Verbesserung der Wetterverhältnisse schnell wieder ausgeglichen sein dürften. Einen längerfristigen preisstützenden Effekt erwarten Marktbeobachter deshalb nicht.

Kalter Winter: Europas Gasreserven schrumpfen
Nicht nur in den USA hat das Winterwetter Auswirkungen auf die Energie-Infrastruktur, auch in Europa machen sich die kälter als gewöhnlichen Temperaturen bemerkbar. Sie treiben den Abbau der europäischen Erdgasvorräte so schnell voran wie seit fünf Jahren nicht mehr, da die gestiegene Heiznachfrage die Entnahmen aus den Speichern deutlich beschleunigt hat.

Nach jüngsten Daten von Gas Infrastructure Europe waren die Gasspeicher in der gesamten EU zum 21. Januar nur noch zu 47 % gefüllt, in Deutschland liegt der Füllstand mit 38 % sogar noch niedriger. Damit liegen die Bestände klar unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre und erhöhen den Druck auf die europäischen Länder, ihre Speicher im Sommer durch zusätzliche Importe wieder aufzufüllen.

Der Lagerabbau hat sich im Januar beschleunigt, da es in großen Teilen Europas kälter ist als üblich. Gleichzeitig decken die täglichen LNG-Importe weniger als die Hälfte der aus den Speichern entnommenen Mengen. „Bei stabiler Heiznachfrage und zunehmenden Speicherentnahmen waren europäische Käufer gezwungen, höhere Preise zu zahlen, um sich Versorgung zu sichern“, erklärt Ole Hansen von der Saxo Bank. Die extreme Kälte habe die Heiznachfrage stark ansteigen lassen, während die Flexibilität auf der Angebotsseite gesunken sei.

Kasachische Ölexporte: CPC-Terminal wieder online, Tengiz bleibt gedrosselt
Während die Wetterverhältnisse in einigen Teilen der Welt für Angebotsausfälle sorgen, scheinen die Angebotsprobleme in Kasachstan auf einem guten Weg zu sein. Wie das Caspian Pipeline Consortium (CPC) am Wochenende mitteilte, sind die Reparaturarbeiten am Ölterminal am Schwarzmeerhafen in Noworossijsk abgeschlossen, so dass die Verladungen hier nach wochenlangen Behinderungen wieder normal laufen.

Der Schwarzmeer-Terminal arbeitete seit November nur mit reduzierter Kapazität, nachdem einer der drei Anleger durch einen Drohnenangriff aus der Ukraine schwer beschädigt worden war. Keine neuen Nachrichten gibt es allerdings vom Tengiz-Ölfeld. Hier hatte ein Brand vor einer Woche für Produktionsunterbrechungen gesorgt, die laut Insiderangaben mindestens eine Woche anhalten sollten. Die Produktion scheint hier nach wie vor gedrosselt zu sein.

Marktlage
Dank der Kältewellen in Europa und den USA bleiben die Ölpreise auch zum Start in die neue Woche gestützt, obwohl sie den Preisanstieg vom Freitag erst einmal nicht weiter ausbauen können. Auch in dieser Woche bleiben die Wetterverhältnisse im Zentrum des Marktinteresses, doch auch die geopolitischen Unsicherheiten der letzten Woche sind nicht vergessen.  

„Die Ölpreise werden diese Woche durch Produktionsausfälle in den USA sowie anhaltende geopolitische Risiken gestützt, die das vorherrschende Narrativ eines Überangebots im Jahr 2026 etwas infrage stellen“, kommentiert Priyanka Sachdeva, leitende Marktanalystin bei Phillip Nova, die aktuelle Marktlage.

„Der Wintersturm „Fern“ hat die US-Küste hart getroffen, zwingt zu Förderstillständen in wichtigen Öl- und Gasregionen und belastete das Stromnetz“, so Sachdeva. Dies sorge für eine leichte Aufwärtsbewegung an den Ölbörsen, da die Unterbrechungen die physischen Lieferflüsse beeinträchtigten. Nach Angaben der Großbank JP Morgan sind in den USA wetterbedingt rund 250.000B/T offline, insbesondere im Bakken-Feld in Oklahoma und in Teilen von Texas.

Gleichzeitig bleibt der Krisenherd Iran auch für den Ölmarkt weiterhin relevant, denn die Rhetorik zwischen der Islamischen Republik und den USA hat sich nicht merklich abgekühlt. „Die Ankündigung von Präsident Trump, eine US-Flotte Richtung Iran zu entsenden, hat die Befürchtungen von Lieferunterbrechungen wiederbelebt, einen Risikozuschlag für Ölpreise erzeugt und insgesamt die Risikoaversion am Morgen gestützt“, kommentiert IG-Marktanalyst Tony Sycamore.

Noch am Freitag hatte ein ranghoher iranischer Beamter erklärt, dass Iran jeden Angriff „als umfassenden Krieg gegen uns“ betrachten werde und damit auf Donald Trumps Kommentare bezüglich einer „Armada“ auf dem Weg zum Persischen Golf reagiert. Auch, wenn eine tatsächliche militärische Auseinandersetzung bisher weiterhin eher unwahrscheinlich ist, sorgt doch jede weitere Verschärfung in der Region für Unsicherheit am Ölmarkt.

Zum Start in die neue Woche sind damit akut kaum bearishe Faktoren spürbar. Die langfristigen Angebotsprognosen, die nach wie vor auf eine deutliche Überversorgung hindeuten, werden von den aktuellen (und insgesamt wohl eher kurzfristigen) Verknappungen aufgrund der Wetterbedingungen überlagert. Zudem bleiben die geopolitischen Umstände vielerorts Unsicherheitsfaktoren, darunter auch die Friedensgespräche zwischen der Ukraine und Russland, die bisher noch keine spürbaren Ergebnisse brachten.

Aus fundamentaler Sicht schätzen wir die Lage deshalb heute erst einmal bullish ein, obwohl die übergeordneten bearishen Faktoren im Hintergrund bestehen bleiben. Bei den Inlandspreisen zeichnen sich damit heute im Vergleich zu Freitagmorgen erste spürbare Aufschläge ab.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

Die Lienert + Ehrler AG übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit und Richtigkeit der auf dieser Seite publizierten Informationen.