Rohölkontrakte steuern auf dritten Wochenverlust in Folge zu

Ein Geschoss traf das unter der Flagge Singapurs fahrende Containerschiff Ever Lovely, als es auf einer empfohlenen Route die Straße von Hormus durchquerte. Obwohl das Schiff beschädigt wurde, blieben alle Besatzungsmitglieder unverletzt. Das Schiff setzte seine Fahrt fort und erreichte den Golf von Oman. Die USA untersuchen derzeit die Herkunft des Geschosses. Nach Angaben eines Beamten des Weißen Hauses ist es jedoch noch zu früh, den Vorfall eindeutig zuzuordnen. Washington will im Falle einer iranischen Beteiligung unterscheiden, ob der Angriff eigenmächtig von einzelnen Angehörigen oder auf Anweisung hochrangiger Mitglieder der Iranischen Revolutionsgarden erfolgte. Diese differenzierte Betrachtung deutet darauf hin, dass der Vorfall die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran vorerst nicht wesentlich belasten dürfte, sofern sich ähnliche Angriffe nicht häufen. US-Präsident Donald Trump betonte erneut, dass die Straße von Hormus weiterhin geöffnet sei.

Die britische Schifffahrtsbehörde UK Maritime Trade Operations (UKMTO) reagierte unmittelbar nach dem Angriff mit einer Sicherheitswarnung und forderte Schiffe zu erhöhter Vorsicht beim Passieren der Meerenge auf. Die iranische Behörde für die Straße von Hormus erklärte dagegen, dass Schiffe, die außerhalb der von ihr festgelegten Routen verkehren, weder versicherungsrechtlich abgesichert noch durch Garantien für eine sichere Passage geschützt seien. Auch die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) reagierte auf den Vorfall. Generalsekretär Arsenio Dominguez erklärte, dass die Ever Lovely nicht im Rahmen des von der IMO koordinierten Evakuierungsplans unterwegs gewesen sei. Aus Sicherheitsgründen setzte die Organisation den Evakuierungsplan für den Persischen Golf und die Straße von Hormus bis auf Weiteres aus, um ein koordiniertes Vorgehen und den Schutz der Seeleute sicherzustellen.

Die Nachricht über den Angriff führte am Donnerstagabend zunächst zu einem Anstieg der Rohölpreise an den Börsen ICE und NYMEX. Da die Reaktion der USA jedoch vergleichsweise zurückhaltend ausfiel, überschritten die Preise ihre Vortageshochs nicht. Marktbeobachter sehen dennoch eine steigende geopolitische Risikoprämie in den Ölpreisen. Analysten erwarten, dass die Märkte nun genau beobachten werden, ob der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus uneingeschränkt fortgesetzt werden kann oder ob die jüngsten Sicherheitsrisiken die Ölförderländer dazu veranlassen, geplante Produktionsausweitungen zu verschieben. Gleichzeitig schlossen zahlreiche Händler zuvor aufgebaute Leerverkaufspositionen, wodurch die Preise zusätzlich gestützt wurden. Experten halten daher kurzfristig eine technische Erholung der Ölpreise für wahrscheinlicher als einen sofortigen erneuten Preisrückgang.

Trotz des kurzfristigen Preisanstiegs zeichnet sich für die Rohölsorten Brent und WTI auf Wochensicht bereits der dritte Preisrückgang in Folge ab. Ausschlaggebend hierfür ist vor allem die zunehmende Zahl an Tankern, die den Persischen Golf wieder über die Straße von Hormus verlassen können, wodurch sich der zuvor entstandene Tankerstau weiter auflöst. Zusätzlich erhöhen mehrere Golfstaaten ihre Ölproduktion, auch wenn der Export noch nicht reibungslos verläuft.

Bei den Mitteldestillaten, insbesondere Gasoil und Diesel, fällt der Preisrückgang deutlich geringer aus als bei Rohöl. Die anhaltende Hitzewelle sorgt für zusätzliche Nachfrage, während die Möglichkeit eines vollständigen Diesel-Exportverbots in Russland sowie ein angekündigter Streik in der Raffinerie von Antwerpen das Angebot verknappen könnten. Diese Faktoren stützen die Preise für Mitteldestillate.

Makroökonomisch liefern die jüngsten Konjunkturdaten aus den USA ein gemischtes Bild. Einerseits stärken besser als erwartete Wachstumszahlen für das erste Quartal die Erwartungen an eine robuste Ölnachfrage des weltweit größten Ölverbrauchers. Andererseits erhöhen insbesondere die Daten zum privaten Konsum und zum Kern-PCE-Preisindex die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Federal Reserve. Höhere Zinsen belasten in der Regel die Nachfrage nach Rohstoffen und begrenzen deshalb das mittelfristige Aufwärtspotenzial der Ölpreise.

Am Freitagmorgen notieren die Öl-Futures bereits wieder unter den Höchstständen des Vorabends. Aufgrund der kräftigen Preisbewegung vom Donnerstagabend ergibt sich für den Schweizer Binnenmarkt dennoch rechnerisch Spielraum für höhere Heizöl- und Kraftstoffpreise gegenüber dem Vortag.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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