Friedensverhandlungen: Fortschritte und Bomben

In der vergangenen Woche stuften die Marktbeobachter die fundamentale Lage am Ölmarkt zunächst weiterhin als neutral ein. Zwar näherten sich die USA und Iran bei den Friedensverhandlungen an, eine endgültige Einigung blieb jedoch aus. Charttechnisch überwogen gleichzeitig leicht bearishe Signale: Der Durchbruch wichtiger gleitender Durchschnitte eröffnete weiteres Abwärtspotenzial, während die Kreuzung der GD-7- und GD-21-Linien bei WTI ein Verkaufssignal auslöste. Dennoch gingen Analysten von Barclays weiterhin von einem Brent-Preis von rund 100 Dollar aus. Sie begründeten dies vor allem mit den historisch niedrigen globalen Lagerbeständen und der anhaltenden Unterversorgung des Marktes. Zusätzlich verschärften sinkende Treibstoffexporte aus China und Probleme bei russischen Lieferungen nach Indonesien die angespannte Versorgungslage. Zwar erreichten die Futures an den Börsen ICE und NYMEX zunächst neue Tageshochs, im weiteren Handelsverlauf gerieten die Preise jedoch unter Druck, da die Hoffnungen auf ein Friedensabkommen zwischen Washington und Teheran zunahmen.

Am Wochenende und insbesondere am Pfingstmontag verdichteten sich die Hinweise auf Fortschritte in den Gesprächen zwischen den USA und Iran. Beide Seiten arbeiteten offenbar an einer Absichtserklärung, die eine Verlängerung der Waffenruhe um 60 Tage sowie eine teilweise Öffnung der Straße von Hormus vorsieht. Im Gegenzug sollten die USA die Blockade iranischer Häfen lockern und eingefrorene iranische Gelder freigeben. Die Aussicht auf eine Wiederaufnahme von Öllieferungen aus dem Persischen Golf ließ die Ölpreise am Montag deutlich fallen. Marktteilnehmer hofften auf eine sinkende Risikoprämie im Nahen Osten und ein steigendes Angebot an Rohöl. US-Präsident Donald Trump sprach öffentlich von guten Fortschritten bei den Verhandlungen, während iranische Vertreter bestätigten, dass in mehreren Punkten bereits Einigkeit erzielt worden sei. Dennoch betonten beide Seiten, dass noch keine endgültige Vereinbarung unterschrieben wurde.

Die positive Stimmung erhielt jedoch einen Dämpfer, als die USA trotz der laufenden Verhandlungen neue Angriffe auf Ziele im Iran flogen. Dabei griffen sie nach eigenen Angaben Schiffe und Raketenstellungen an, um amerikanische Truppen vor möglichen Bedrohungen zu schützen. Auch iranische Medien bestätigten Explosionen in der Nähe der Hafenstadt Bandar Abbas an der Straße von Hormus. Obwohl Analysten davon ausgingen, dass diese Angriffe den grundsätzlichen Verhandlungsprozess nicht gefährden würden, reagierten die Märkte nervös. Die Hoffnungen auf eine schnelle Öffnung der wichtigen Handelsroute erhielten dadurch einen Rückschlag.

Parallel dazu verschärfte sich auch der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine weiter. Beide Seiten intensivierten ihre Angriffe mit Mittel- und Langstreckendrohnen. Russland setzte dabei erneut seine nuklear bestückbare Oreschnik-Rakete gegen Kiew ein und verursachte erhebliche Schäden, vor allem im zivilen Bereich. Außenminister Sergej Lawrow forderte die USA auf, ihre Zivilisten und Diplomaten aus Kiew zu evakuieren, da Moskau weitere Eskalationen ankündigte. Gleichzeitig wuchs die Erwartung, dass die Ukraine ihre Angriffe auf russische Energieinfrastruktur verstärken könnte. Obwohl der Markt an Lieferausfälle aus Russland inzwischen weitgehend gewöhnt ist, bergen neue Angriffe weiterhin Risiken für die globale Ölversorgung.

Die Marktlage blieb insgesamt von Unsicherheit geprägt. Nach den positiven Signalen aus den Verhandlungen zwischen den USA und Iran sanken die Ölpreise zunächst deutlich. Die neuen amerikanischen Angriffe auf iranische Ziele verhinderten jedoch eine stärkere Abwärtsbewegung. Viele Analysten gehen davon aus, dass eine tatsächliche Einigung weitere Preisrückgänge auslösen könnte, auch wenn ein massiver Preisverfall kurzfristig unwahrscheinlich erscheint. Das globale Angebotsdefizit von etwa 10 bis 11 Millionen Barrel pro Tag bleibt bestehen und zwingt die Märkte weiterhin dazu, auf Lagerbestände zurückzugreifen. Da diese Vorräte inzwischen auf Mehrjahrestiefs gefallen sind und täglich weiter sinken, rechnen einige Experten mittelfristig sogar mit erneuten Preissprüngen. Besonders kritisch bleibt die Situation rund um die Straße von Hormus: Zwar konnten zuletzt einzelne LNG- und Rohöltanker die Meerenge passieren, offiziell bestehen die Blockaden jedoch weiterhin fort.

Insgesamt bewerten Marktbeobachter die fundamentale Lage deshalb weiterhin als neutral. Fortschritte bei den Verhandlungen könnten die Preise zwar weiter entlasten, ohne konkrete Umsetzung dürfte der Rückgang jedoch begrenzt bleiben. Sollte ein Verhandlungserfolg in den kommenden Tagen ausbleiben, rechnen viele Experten sogar wieder mit steigenden Ölpreisen. Nach den deutlichen Verlusten an den internationalen Ölbörsen deutet sich kurzfristig dennoch eine spürbare Abwärtskorrektur bei den Inlandspreisen an.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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