Die Lage am Ölmarkt wird derzeit vor allem durch mögliche Fortschritte bei der Öffnung der Straße von Hormus und durch neue Eskalationsrisiken im Ukraine-Krieg bestimmt. Der Iran und Oman haben nach ersten Meldungen der iranischen Revolutionsgarde grundsätzlich einen Rahmen für eine Vereinbarung zur Öffnung der wichtigen Meerenge gefunden. Im Mittelpunkt stehen dabei offenbar die künftige Erhebung und Aufteilung von Transitgebühren. Die iranische Regierung bestätigt zwar eine grundsätzliche Einigung, betont jedoch, dass zunächst noch Details geklärt werden müssen und ein unterschriftsreifes Abkommen nicht automatisch eine sofortige vollständige Öffnung der Schifffahrtsroute bedeutet. Zudem bestehen weiterhin politische Hindernisse, da Teheran in der Vergangenheit eine Normalisierung der Schifffahrt an die Erfüllung bestimmter Bedingungen durch die USA geknüpft hatte. Washington setzt inzwischen wieder stärker auf wirtschaftlichen Druck und verhängt Sekundärsanktionen gegen Staaten und Unternehmen, die mit dem Iran Geschäfte machen oder dessen Ölexporte unterstützen. Dadurch bleibt fraglich, ob sich ein von Iran erhobener Transitmechanismus tatsächlich umsetzen lässt. Auch eine mögliche US-Blockade iranischer Schiffe könnte einer vollständigen Öffnung der Meerenge entgegenstehen.
Gleichzeitig mehren sich die Hinweise darauf, dass die Schifffahrt durch die Straße von Hormus bereits wieder in begrenztem Umfang zunimmt. Die genaue Zahl der derzeit passierenden Frachter lässt sich zwar nur schwer bestimmen, doch sowohl Saudi-Arabien als auch der Irak haben zuletzt ihre Ölverladungen an Häfen am Persischen Golf deutlich erhöht. Dies könnte einerseits darauf hindeuten, dass die Länder ihre gefüllten Lagerkapazitäten entlasten müssen, andererseits aber auch darauf, dass wieder größere Mengen Rohöl durch die Straße von Hormus transportiert werden können. US-Präsident Donald Trump spricht sogar von rund zehn Millionen Barrel Rohöl, die allein am Dienstag durch die Meerenge transportiert worden seien. Sollte sich diese Entwicklung bestätigen, würde das etwa der Hälfte des Vorkriegsniveaus entsprechen und die Versorgungslage spürbar verbessern. Entsprechend reduziert der Markt bereits einen Teil der zuvor hohen Risikoprämie für die Region, was zusätzlichen Druck auf die Ölpreise ausübt.
Dem möglichen Entspannungssignal aus dem Nahen Osten stehen jedoch erhebliche Risiken aus Russland gegenüber. Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnet die Friedensgespräche über den Ukraine-Krieg als festgefahren und deutet damit auf eine Fortsetzung beziehungsweise Verschärfung des Konflikts hin. Gleichzeitig setzen ukrainische Angriffe auf die russische Öl- und Raffinerieinfrastruktur die russische Energieversorgung zunehmend unter Druck. Nach Einschätzung von Analysten könnten die Angriffe das russische Ölangebot bereits um bis zu zehn Prozent reduzieren, während die Auswirkungen auf die Produktion raffinierter Erdölprodukte noch stärker ausfallen. In Russland führen die daraus entstehenden Engpässe bereits zu Einschränkungen bei Treibstoffen und anderen wichtigen Gütern.
Vor diesem Hintergrund wächst die Sorge vor einer weiteren militärischen Eskalation. Als mögliche Reaktion Russlands gelten insbesondere verstärkte Angriffe mit ballistischen Raketen auf Kiew und andere ukrainische Infrastruktur. Da der Ukraine teilweise geeignete Abwehrsysteme fehlen, könnten solche Angriffe erhebliche Auswirkungen haben. Einen Einsatz taktischer Atomwaffen halten einige Beobachter zwar grundsätzlich für denkbar, Russlandexperten bewerten ein solches Szenario derzeit jedoch als eher unwahrscheinlich, weil Moskau noch zahlreiche konventionelle Möglichkeiten zur Eskalation besitzt. Zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugt der Besuch des CIA-Direktors John Ratcliffe in Moskau. Berichten zufolge soll Washington Erkenntnisse über eine mögliche begrenzte russische Militäraktion gegen ein NATO-Mitglied, vermutlich im Baltikum, besitzen und Moskau vor einer entschlossenen Reaktion des Bündnisses gewarnt haben. Gleichzeitig soll auch die russische Unterstützung des Iran Thema gewesen sein.
Für den Ölmarkt bedeutet diese Gemengelage, dass sich positive und negative Einflussfaktoren derzeit weitgehend ausgleichen. Eine mögliche Öffnung der Straße von Hormus und die zunehmende Zahl von Tankerpassagen verbessern die Aussicht auf eine stabilere Ölversorgung und sprechen für sinkende Preise. Gleichzeitig könnten eine weitere Eskalation des Ukraine-Krieges, zusätzliche Sanktionen gegen Russland, die Beschlagnahmung russischer Öltanker oder verstärkte ukrainische Angriffe auf russische Energieanlagen das weltweite Angebot erneut einschränken und die Preise nach oben treiben. Der Markt reagiert deshalb besonders empfindlich auf neue Nachrichten aus dem Iran, der Straße von Hormus und Russland.
Insgesamt bleibt die fundamentale Markteinschätzung zunächst neutral. Die Marktteilnehmer haben einen Teil des Optimismus über eine mögliche Öffnung der Straße von Hormus bereits in die Preise eingearbeitet und warten nun auf konkrete und belastbare Ergebnisse. Zwar könnte eine tatsächliche Ausweitung des Schiffsverkehrs die Versorgung verbessern und die Ölpreise weiter unter Druck setzen, doch frühere gescheiterte Waffenstillstands- und Verhandlungsversuche mahnen zur Vorsicht. Gleichzeitig halten die Entwicklungen in Russland die geopolitische Risikoprämie hoch. Zusätzlich zeigen die zuletzt erneut gesunkenen US-Bestände an Benzin und Destillaten, dass der Ölmarkt weiterhin angespannt ist; die Destillatbestände haben sogar den saisonal niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen in den frühen 1980er-Jahren erreicht. Daher dürfte die Volatilität hoch bleiben und der Markt besonders stark auf neue Meldungen zur Straße von Hormus und zum Ukraine-Krieg reagieren. Für den Inlandmarkt zeichnen sich nach dem Anstieg am Vorabend zugleich wieder deutlich höhere Preise gegenüber dem Vortag ab.