
Die neue Handelswoche begann in einem insgesamt fundamental neutralen Marktumfeld. Die OPEC+ beschloss erwartungsgemäß eine weitere Ausweitung ihrer Fördermengen, während sich die Ölversorgung im Persischen Golf zwar weiter erholte, das Vorkriegsniveau jedoch noch nicht wieder erreichte. Gleichzeitig lieferten die Charttechnik und die Preisentwicklung an den internationalen Ölbörsen zunächst keine klaren Richtungsimpulse. Zwar deutete eine Stochastik-Divergenz bei Rohöl auf eine nachlassende Stabilität des bestehenden Abwärtstrends hin, insgesamt bewegten sich Brent und WTI jedoch weiterhin innerhalb einer engen Handelsspanne. Dagegen zeigten die Ölprodukte, insbesondere die Mitteldestillate, erneut eine vergleichsweise stärkere Aufwärtsdynamik.
Im Tagesverlauf testeten die Notierungen zunächst leicht niedrigere Kurse, ohne die enge Handelsspanne zu verlassen. Weder die nach unten korrigierten Preisprognosen mehrerer Analysten noch neue ukrainische Angriffe auf russische Energieanlagen beeinflussten den Rohölmarkt zunächst spürbar. Auch die deutlichen Preissenkungen der Saudi Aramco sowie die kräftige Produktionssteigerung in den Vereinigten Arabischen Emiraten änderten nichts an der Seitwärtsbewegung von Brent und WTI. Bei den Ölprodukten entwickelte sich das Marktgeschehen dagegen bullisher. Neue Meldungen über Drohnenangriffe auf russische Raffinerien verstärkten die Sorge vor weiteren Einschränkungen der Produktversorgung, sodass ICE Gasoil am Abend den höchsten Stand seit Mitte Juni erreichte. Diese Entwicklung spiegelte sich auch in den Inlandspreisen wider, die entsprechend anzogen.
Zusätzliche Unsicherheit entstand durch neue iranische Angriffe auf Handelsschiffe in der Straße von Hormus. Nach Angaben amerikanischer und britischer Stellen wurden mehrere Schiffe durch Raketen beziehungsweise Geschosse beschädigt, wobei keine Menschen verletzt wurden. Die Angriffe verschärften die ohnehin angespannte Sicherheitslage auf einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten für den weltweiten Ölhandel und belasteten die laufenden Verhandlungen zwischen den USA und Iran. Unklar blieb zunächst, ob und in welchem Umfang die USA auf die Vorfälle reagieren würden. Gleichzeitig rückte der Konflikt kurz vor dem NATO-Gipfel in Ankara erneut in den Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit.
Die Marktteilnehmer konzentrierten sich deshalb weiterhin auf die Entwicklungen im Persischen Golf. Analysten betonten, dass die jüngsten Angriffe deutlich machten, wie weit der Markt noch von einer vollständigen Normalisierung entfernt sei. Kurzfristig könnten geopolitische Spannungen zwar einen Teil der sogenannten Hormus-Risikoprämie wieder in die Ölpreise einfließen lassen und damit die Notierungen stützen. Gleichzeitig gingen viele Experten jedoch davon aus, dass ein nachhaltiger Preisanstieg aufgrund der insgesamt bearishen Fundamentaldaten unwahrscheinlich bleibt.
Das fundamentale Marktumfeld wird weiterhin von einem steigenden Ölangebot und einer verhaltenen Nachfrage geprägt. Die Förderausweitungen der OPEC+, die zunehmende Produktion im Persischen Golf sowie die Contango-Struktur einzelner Öl-Benchmarks sprechen für eine gute Versorgung des physischen Marktes. Hinzu kommt, dass Saudi Aramco ihre Verkaufspreise für asiatische Kunden deutlich senkte und damit einen möglichen neuen Preiskampf unter den Produzenten auslöste. Marktbeobachter erwarten, dass weitere Förderländer diesem Schritt folgen könnten. Gleichzeitig richtet sich der Blick zunehmend auf die Nachfrageseite, insbesondere auf China, dessen tatsächliche Ölimporte entscheidend dafür sein dürften, ob sich die Ölpreise künftig stabilisieren oder weiter unter Druck geraten.
Insgesamt befindet sich der Ölmarkt derzeit in einem Spannungsfeld zwischen kurzfristig preistreibenden geopolitischen Risiken und längerfristig belastenden Fundamentalfaktoren wie einem steigenden Angebot und einer schwachen Nachfrage. Während die geopolitischen Entwicklungen und die anhaltenden Raffinerieprobleme in Russland den Produkten aktuell Auftrieb verleihen, bleibt die grundlegende Markteinschätzung insgesamt neutral. Für den Binnenmarkt zeichnen sich dennoch erneut steigende Preise ab, da der kräftige Anstieg des ICE-Gasoil-Kontrakts sowie ein gegenüber dem US-Dollar schwächerer Euro die Inlandspreise zusätzlich stützen.