Zwischen Euphorie und Vorsicht – Ölmarkt nach Abkommen in der Schwebe

Nach wochenlangen und schwierigen Verhandlungen erzielten die USA und Iran am Wochenende einen Durchbruch und einigten sich auf ein vorläufiges Abkommen. Diese Entwicklung führte zu einer deutlich bearischen Marktstimmung am Montag. Die technischen Marktindikatoren lieferten zwar keine klaren Richtungssignale, doch die Ölnotierungen unterschritten bereits zum Handelsbeginn die Tiefststände vom Freitag und bewegten sich teilweise außerhalb der Bollinger-Bänder. Im Tagesverlauf stand das Abkommen weiterhin im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Analysten, Marktbeobachtern und Investoren. Trotz der Hoffnung auf eine Entspannung des Konflikts blieben erhebliche Unsicherheiten bestehen, insbesondere hinsichtlich der Zukunft der Straße von Hormus. Diskussionen über mögliche Lockerungen der Sanktionen gegen Iran verstärkten zunächst die Erwartungen an eine Verbesserung der Versorgungslage. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass zahlreiche Hindernisse einer schnellen Normalisierung entgegenstehen. So könnte die Räumung der Seeminen in der Meerenge deutlich länger dauern als zunächst angenommen, und Iran plant offenbar, auch künftig Transitgebühren für die Passage durch die Straße von Hormus zu erheben. Vor diesem Hintergrund konnten die Ölpreise ihre anfänglichen Verluste nicht wesentlich ausweiten. Während Brent und WTI weitgehend seitwärts tendierten, versuchten die Produktfutures am Nachmittag mehrfach eine Erholung. Auch die Inlandspreise stabilisierten sich nach dem morgendlichen Preisrückgang. Dennoch schlossen die Rohöl-Futures den Handelstag mit deutlichen Verlusten ab.

Experten gehen davon aus, dass die Rückkehr zu den Förder- und Transportmengen vor Ausbruch des Krieges deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen wird als ursprünglich erhofft. Die Sperrung der Straße von Hormus durch Maßnahmen sowohl Irans als auch der USA löste eine der schwersten Energiekrisen der jüngeren Geschichte aus. Selbst bei einer Wiedereröffnung der Meerenge bleiben Sicherheitsfragen, neue Betriebsregelungen und logistische Herausforderungen bestehen. Analysten von Raymond James und Enverus erwarten, dass eine Rückkehr zum Vorkriegsniveau frühestens Ende Juli möglich sein könnte. RBC Capital Markets beurteilt die Lage noch vorsichtiger und rechnet damit, dass erst nach mehreren Monaten annähernd die Transportmengen vom letzten Vorkriegstag erreicht werden. Zudem sei nicht ausgeschlossen, dass die höchsten jemals erreichten Transportvolumina durch die Straße von Hormus dauerhaft der Vergangenheit angehören. Morgan Stanley bewertet die Entwicklung etwas optimistischer und sieht in dem Abkommen einen wichtigen Schritt zur Deeskalation. Die Analysten erwarten, dass bis September etwa die Hälfte und bis Dezember rund 80 Prozent der früheren Produktionskapazitäten wiederhergestellt werden könnten.

Nach dem starken Preisrückgang zu Wochenbeginn agieren die Marktteilnehmer nun wieder vorsichtiger. Zwar überwiegt die Hoffnung auf ein Ende des Konflikts, doch bislang sind nur wenige Einzelheiten des vereinbarten „Memorandum of Understanding“ bekannt. Die Unterzeichnung des Dokuments ist für Freitag in der Schweiz vorgesehen, während weder Washington noch Teheran bisher den vollständigen Inhalt veröffentlicht haben. Darüber hinaus wurde noch keine dauerhafte Waffenruhe vereinbart. Besonders die Zukunft der Straße von Hormus sorgt weiterhin für Unsicherheit. US-Präsident Donald Trump erklärte beim G7-Gipfel, die Schifffahrtsroute werde bis Freitag wieder vollständig nutzbar sein und ohne Gebühren passierbar bleiben. Damit widersprach er Berichten aus Iran, wonach das geplante Mautsystem bestehen bleiben soll. Marktanalysten weisen darauf hin, dass die entscheidenden Risiken in den noch ungeklärten Details des Abkommens liegen. Solange diese Fragen offen bleiben, dürfte der Markt nur vorsichtig weitere Risikoprämien abbauen.

Zusätzlich verlangen Reedereien, Händler und Versicherer mehr Planungssicherheit, bevor sie ihre Aktivitäten in der Region wieder ausweiten. Gleichzeitig fragen Kunden weltweit verstärkt nach, wann Rohöltransporte durch die Meerenge wieder im gewohnten Umfang möglich sein werden. Die Antwort darauf bleibt ungewiss. Selbst bei erfolgreicher Umsetzung des Abkommens dürften die Räumung von Seeminen, die Wiederherstellung des Versicherungsschutzes, die Rückkehr von Schiffen und Besatzungen in die Region, die Wiederinbetriebnahme stillgelegter Förderanlagen sowie die Reparatur beschädigter Infrastruktur viel Zeit beanspruchen. Daher rechnen Marktbeobachter nicht mit einer schnellen Rückkehr zu normalen Versorgungsströmen.

Insgesamt bewerten Analysten die aktuelle Marktlage daher als neutral. Das vorläufige Abkommen zwischen den USA und Iran stellt zwar einen wichtigen Fortschritt dar und verbessert die Aussichten auf eine Entspannung des Konflikts. Gleichzeitig werden die bestehenden Versorgungsengpässe und logistischen Probleme jedoch nicht kurzfristig verschwinden. Für die Inlandspreise zeichnen sich dennoch leichte Entlastungen ab, da der ICE-Gasoil-Kontrakt zuletzt spürbar nachgegeben hat. Die Märkte bleiben jedoch vorerst von Unsicherheit geprägt, bis mehr Klarheit über die Umsetzung des Abkommens und die tatsächliche Wiederherstellung der Lieferketten besteht.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

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