Eskalation im Persischen Golf treibt Ölpreise

Die Lage im Nahen Osten hat sich erneut deutlich zugespitzt und setzt die internationalen Energiemärkte weiter unter Druck. US-Streitkräfte haben am Dienstag fünf iranische Rohöltanker zerstört. Nach Angaben des US-Zentralkommandos CENTCOM reagierten die USA damit auf zwei erfolglose Angriffe Irans auf ein US-Kriegsschiff. Bereits am Samstag hatten die US-Streitkräfte drei weitere iranische Rohöltanker ausser Gefecht gesetzt. Die USA erklärten, die Besatzungen vor den Angriffen zum Verlassen der Schiffe aufgefordert zu haben. Iran reagierte seinerseits mit Raketenangriffen auf Jordanien und verschärfte die Warnungen an den Schiffsverkehr im Persischen Golf. Die Islamischen Revolutionsgarden forderten Besatzungen von Tankern in der Nähe von Häfen in Kuwait und Bahrain auf, ihre Schiffe unverzüglich zu verlassen, da diese angegriffen werden könnten.

Die zunehmende Unsicherheit wirkt sich unmittelbar auf den Ölmarkt aus. Besonders kritisch ist die Situation rund um die Strasse von Hormus, durch die vor dem Krieg rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und LNG transportiert wurde. Die Zahl der Schiffspassagen ist zuletzt deutlich zurückgegangen. Am Dienstag passierten lediglich sechs Frachtschiffe die strategisch wichtige Meerenge – nur halb so viele wie im Zehn-Tage-Durchschnitt. Gleichzeitig bleibt die tatsächliche Zahl der Durchfahrten schwer einzuschätzen, da viele Schiffe ihre Transponder aus Sicherheitsgründen abschalten. Zwar werden weiterhin Rohölmengen aus der Region exportiert, doch die derzeit geschätzten 4 bis 6 Millionen Barrel pro Tag liegen deutlich unter dem Vorkriegsniveau von mehr als 21 Millionen Barrel pro Tag. Das hohe Sicherheitsrisiko erschwert damit nicht nur den Transport, sondern verstärkt auch die Sorgen über die Verfügbarkeit von Rohöl auf dem Weltmarkt.

Auch im Roten Meer bleibt die Situation angespannt. Der Schiffsverkehr durch die Meerenge Bab el-Mandeb zeigt sich bislang vergleichsweise stabil: Am Dienstag passierten dort 25 Frachtschiffe, gegenüber einem Zehn-Tage-Durchschnitt von rund 27. Gleichzeitig haben die von Iran unterstützten Huthi ihre Angriffe auf Ziele in Saudi-Arabien wieder verstärkt und dabei auch Energieanlagen ins Visier genommen. Mehrere Anlagen mussten ihren Betrieb vorübergehend einstellen. Damit wirken inzwischen mehrere Konfliktherde gleichzeitig auf die globalen Energie- und Transportströme ein. Zusätzlich belastet der anhaltende Krieg zwischen Russland und der Ukraine die Versorgungslage.

Die Marktteilnehmer reagieren entsprechend mit höheren Risikoprämien. Der Brent-Ölpreis hat sich seit Jahresbeginn bereits um mehr als 60 Prozent verteuert und nähert sich aktuell wieder der Marke von 100 US-Dollar je Barrel. Damit erreicht Brent erstmals seit Ende Juli wieder ein vergleichbares Preisniveau. Auch die europäischen Erdgaspreise steigen weiter und haben nach den jüngsten US-Angriffen bereits den vierten Handelstag in Folge zugelegt. Bei Raffinerieprodukten wie Diesel fällt der Preisanstieg seit Jahresbeginn sogar noch stärker aus. Die Sorge vor länger anhaltenden Versorgungsunterbrechungen nimmt zu, während gleichzeitig die Hoffnung auf ein baldiges Ende des inzwischen seit sechs Monaten andauernden Krieges schwindet.

Für den Ölmarkt bleibt die fundamentale Lage damit klar angespannt. Sinkende weltweite Lagerbestände und schrumpfende Reserven treffen auf eine deutlich erhöhte geopolitische Unsicherheit. Marktteilnehmer rechnen deshalb weiterhin mit einer erheblichen Risikoprämie. Die jüngsten Entwicklungen sprechen dafür, dass der Preisdruck bei Rohöl und Mineralölprodukten zunächst bestehen bleibt und die Risiken eher auf der Oberseite liegen. Gleichzeitig erschweren die zahlreichen Unsicherheiten verlässliche Prognosen zur künftigen Angebotsentwicklung.

Zusätzliche Orientierung sollen in den kommenden Tagen wichtige Marktberichte liefern. Heute veröffentlicht das American Petroleum Institute (API) seine wöchentlichen Schätzungen zu den US-Ölbeständen, einen Tag später als üblich. Am Donnerstag folgt der offizielle Bestandsbericht des US-Energieministeriums (DOE). Ebenfalls heute startet die Energy Information Administration (EIA) mit ihrem Monatsbericht die neue Berichtssaison. Am Donnerstag beziehungsweise Freitag folgen die Prognosen von OPEC und Internationaler Energieagentur (IEA). Im Mittelpunkt des Interesses stehen insbesondere die Einschätzungen zur globalen Angebotsentwicklung. Angesichts der anhaltenden Konflikte im Nahen Osten und des Krieges in der Ukraine bleibt es jedoch schwierig, belastbare Prognosen zu erstellen.

Für unsere Kunden bedeutet die aktuelle Marktlage vor allem eines: Die geopolitischen Risiken haben deutlich zugenommen und können die Energiepreise kurzfristig weiter nach oben treiben. Obwohl sich bei den Inlandspreisen aufgrund der jüngsten Kursbewegungen zunächst gewisse Preisabschläge abzeichnen, bleibt die grundlegende Markteinschätzung angesichts der Eskalation im Persischen Golf bullish. Eine nachhaltige Entspannung ist derzeit nicht absehbar. Entsprechend sollten Konsumenten mit weiter hoher Preisvolatilität und möglichen kurzfristigen Ausschlägen bei Rohöl, Diesel und anderen Mineralölprodukten rechnen.

Daniel Ehrler
Die Marktnews beziehen sich auf die Entwicklung der internationalen Rohöl- und Produktnotierungen. Die effektive Preisentwicklung in der Schweiz kann aufgrund von weiteren Einflussfaktoren wie Transportkosten, Rheinfrachten oder Dollarkurs jedoch abweichen.

Die Lienert + Ehrler AG übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit und Richtigkeit der auf dieser Seite publizierten Informationen.