Venezuela erwägt offenbar einen Austritt aus der OPEC, was den Bedeutungsverlust der Organisation weiter verstärken würde. Venezuela gehört zu den fünf Gründungsmitgliedern der 1960 gegründeten OPEC und verfügt über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven. Anders als bei Angola, das 2024 austrat, und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die im Mai 2025 die Organisation verließen, stehen bei Venezuela jedoch nicht die von der OPEC+ beschlossenen Produktionsbeschränkungen im Mittelpunkt. Als wesentlicher Grund gilt vielmehr die politische Neuausrichtung des Landes nach der Festnahme des früheren Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA und der anschließenden Übernahme der Kontrolle über die venezolanischen Ölexporte. Nachdem jahrelange Misswirtschaft und internationale Sanktionen die venezolanische Ölindustrie erheblich geschwächt hatten, verhandeln Washington und Caracas offenbar über eine stärkere Beteiligung der USA an der Förderung und Bewirtschaftung venezolanischer Ölfelder. Dabei soll Insidern zufolge sogar eine Verpachtung einzelner Ölfelder an die USA für bis zu 100 Jahre diskutiert worden sein. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Austritt Venezuelas aus der OPEC plausibel. Für die Organisation wäre dieser Schritt jedoch problematisch, da sie trotz der vergleichsweise geringen venezolanischen Produktion von rund 1,1 Millionen Barrel pro Tag weiter an internationalem Einfluss verlieren würde.
Unterdessen haben sich die Ölexporte aus der Golfregion nach Einschätzung von Goldman Sachs trotz der weiterhin nicht vollständig geöffneten Straße von Hormus deutlich erholt. Die Analysten Daan Struyven und Yulia Zhestkova Grigsby schätzen die aktuellen Rohöl- und Produktexporte der Region auf rund 15 bis 16 Millionen Barrel pro Tag. Damit erreichen sie etwa zwei Drittel des Niveaus, das vor Beginn des Iran-Kriegs verzeichnet wurde. Über die Straße von Hormus gelangen derzeit schätzungsweise 8 bis 10 Millionen Barrel pro Tag auf den Weltmarkt. Gleichzeitig erschweren verdeckte Transporte und zunehmende Schiff-zu-Schiff-Umladungen eine verlässliche Einschätzung der tatsächlichen Exportmengen. Produzenten und Verlader passen ihre Transportwege offenbar zunehmend an die unsichere Lage im Nahen Osten an. Dadurch könnten größere Mengen als offiziell erfasst auf den Weltmarkt gelangen und den Anstieg der Rohölpreise begrenzen, selbst wenn die Konflikte in der Region länger andauern.
Die Unsicherheit über die Situation in der Straße von Hormus beeinflusst weiterhin die Entwicklung der Ölpreise. Die Rohölkontrakte an ICE und NYMEX legten am Donnerstag erneut zu, wobei Brent zeitweise über 90 US-Dollar je Barrel stieg, zum Handelsschluss jedoch knapp darunter blieb. Marktteilnehmer beobachten insbesondere die anhaltende Verzögerung bei der Öffnung der wichtigen Meerenge. Zwar deuten Angaben der US-Regierung und von Goldman Sachs darauf hin, dass mittlerweile wieder bis zu 10 Millionen Barrel Öl pro Tag über die Straße von Hormus transportiert werden, gleichzeitig zeigen Schiffsbewegungsdaten weiterhin ein deutlich niedrigeres Verkehrsaufkommen als vor dem Krieg. Zudem sorgen Berichte über Angriffe auf Schiffe in und um die Meerenge für zusätzliche Unsicherheit.
Neben der geopolitischen Lage im Nahen Osten beeinflusst auch die US-Geldpolitik die Ölfutures. Beim Wirtschaftssymposium in Jackson Hole steht insbesondere die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh im Mittelpunkt. Die Marktteilnehmer erhoffen sich daraus Hinweise auf den weiteren geldpolitischen Kurs der US-Notenbank. Signale für eine mögliche Zinserhöhung könnten den US-Dollar stärken und dadurch in Dollar gehandelte Ölfutures für Käufer außerhalb der USA verteuern. Gleichzeitig könnte eine restriktivere Geldpolitik das Wirtschaftswachstum in den USA bremsen und damit die Ölnachfrage schwächen.
Zusätzlichen Einfluss auf den Ölmarkt hat weiterhin der Ukraine-Krieg. Vor allem die Produktkontrakte profitieren immer wieder von Berichten über ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien, da mögliche Ausfälle bei der Verarbeitung von Rohöl die Versorgung mit Ölprodukten beeinträchtigen könnten. Die Kontrakte an ICE und NYMEX liegen aktuell zwar noch unter den Donnerstagshochs, bewegen sich aber weiterhin auf vergleichsweise hohem Niveau. Daraus ergibt sich für die Inlandspreise rechnerisch weiterhin Spielraum für höhere Preise. Insgesamt bleibt der Ölmarkt damit von mehreren Unsicherheitsfaktoren geprägt: dem möglichen Austritt Venezuelas aus der OPEC, der Entwicklung der venezolanischen Ölindustrie, den eingeschränkten Transportmöglichkeiten durch die Straße von Hormus, den Konflikten im Nahen Osten und in der Ukraine sowie den geldpolitischen Entscheidungen der US-Notenbank.